Das Foto auf der Homepage seiner bayerischen Irish-Folk-Band Fiddler's Fare zeigt Klaus Kroeker so, wie er sich gerne sieht: In Trachtenjanker und Jeans mit der Gitarre, dahinter das passende Alpenpanorama. Weltoffen und doch heimatverbunden. An diesem sonnigen Juliabend hat der bayerische Gitarrist und Heilpraktiker die Tracht allerdings gegen ein schlichtes Hemd eingetauscht. Mit zwei Dutzend Mitgliedern der Piratenpartei sitzt der 43-Jährige aus der Nähe von Garmisch-Partenkirchen in einem rustikalen Peißenberger Wirtshaus. Die Piraten im Wahlkreis Weilheim wollen an diesem Tag ihren Direktkandidaten für die Bundestagswahl nominieren. Auch Kroeker tritt neben vier weiteren Kandidaten an.

Früher war der Oberbayer Mitglied der ÖDP, einer kleinen konservativen Umweltpartei. Doch dann landete er Ende 2011 auf einem Stammtisch der Piraten – und wurde prompt Mitglied. "Wir brauchen eine neue Volksbewegung, um die Macht der Industrielobbyisten zu brechen", sagt er.

Im Hintergrund des Veranstaltungsraumes arbeiten ein paar Parteimitglieder an ihren Rechnern, doch kaum einer der Versammelten entspricht dem Klischee des IT-Nerds. Viele von ihnen sind fest in ihren Gemeinden verankert. Sie gehören Vereinen an und nur wenige von ihnen arbeiten in der Computerbranche. Ein Forstwirt und ein Frührentner sind unter den Kandidaten.

Auch Aleks Lessmann, der am Ende die Nominierung in seinem Heimatwahlkreis klar fürx sich entscheidet, arbeitet nicht als Programmierer. Der freiberufliche Manager und politische Geschäftsführer der bayerischen Piraten ist überzeugt: "Wir können in Bayern auch auf dem flachen Land punkten." Selbst unter den Bauern gebe es mittlerweile Piraten-Anhänger, sagt er.

Bei einzelnen Kommunalwahlen im Freistaat zahlte sich die Heimatverbundenheit mancher Mitglieder für die Piraten bereits aus: Knapp 8 Prozent der Stimmen holte beispielsweise der Kandidat der Partei bei den Wahlen zum Landsberger Oberbürgermeister im März.

Längst sind die Piraten zwischen Berchtesgaden und Aschaffenburg keine Exoten mehr. Im Gegenteil: Ausgerechnet im konservativen Bayern ist die Partei so mitgliederstark wie in keinem anderen Bundesland. Mehr als jeder fünfte Pirat deutschlandweit kommt aus dem Freistaat. Mit seinen mehr als 7.000 Mitgliedern hat der Landesverband sogar die bayerische FDP überholt.

Zehntausende Bayern demonstrierten gegen Acta

Wie schlagkräftig die Aktivisten südlich des Mains sind, zeigten sie erst im Februar: 16.000 Demonstranten gingen in München trotz eisiger Kälte gegen das Anti-Produktpiraterie-Abkommen ACTA auf die Straße – so viele wie in keiner anderen deutschen Stadt.

Auch die Chancen für Bayerns Piraten, bei der Landtagswahl im kommenden Jahr über die Fünfprozenthürde zu springen, stehen gut. Die Demoskopen sehen die Partei in den Umfragen seit Wochen bei sechs bis neun Prozent. "Wir schaffen den Einzug ins Parlament", sagt der Landesvorsitzende Stefan Körner.

Noch mehr als Bayerns Sozialdemokraten und Grüne fürchtet deshalb die CSU die neue Konkurrenz. Denn bereits bei der Bundestagswahl 2009 hatten die Newcomer der weiß-blauen Volkspartei besonders viele Jungwähler abspenstig gemacht. Nur noch 23 Prozent der männlichen Erstwähler hatten ihre Stimme der CSU gegeben. Wohl auch deshalb hatte Horst Seehofer Dorothee Bär zur Netzbeauftragten der Partei berufen. Selbst für eine eigene Facebook-Party war sich der CSU-Chef nicht zu schade.

Die Piraten reagieren auf derlei Aktionen mit Spott: "Es freut uns zwar, wenn die CSU nun auch das Internet entdeckt", ätzt Körner. Doch die CSU stehe nach wie vor für die Vorratsspeicherung und den Einsatz von Staatstrojanern.