Jetzt ist also Andrea Nahles die Hausherrin im Willy-Brandt-Haus. Der Chef ist weg, drei Monate lang. Sigmar Gabriel macht Elternzeit . Und das macht sich gleich bemerkbar: Zur montäglichen Pressekonferenz, zu der diesmal Nahles geladen hat, sind gerade mal fünf Journalisten gekommen. Vor einer Woche, als Gabriel noch da war, war der Andrang bestimmt dreimal so groß.

Die Journalisten wissen: Bei Gabriel fallen immer ein paar knackige Zitate. So auch am vergangenen Montag. Schwarz-Gelb hielt er vor, "krachend gescheitert" zu sein. Angela Merkel verglich er mit der neoliberalen britischen Ex-Premierministerin Maggie Thatcher . Gabriel mag Superlative und historische Dimensionen, wenn es um große Themen geht. Und um die geht es bei ihm eigentlich immer. An diesem Montag: um den Euro, die Zukunft des Kontinents und zwischendurch um die Neuordnung des deutschen Rentenwesens.

Dass Gabriel sich nun wirklich freiwillig drei Monate lang aus der Politik zurückziehen will, mag man kaum glauben. Aber er meint es ernst: Der SPD-Vorsitzende ist im April zum zweiten Mal Vater geworden. Von Juli bis September macht er Baby-Pause. Ein volles Quartal lang will er seine Tochter wickeln und füttern, um so seiner Lebensgefährtin den Wiedereinstieg in den Beruf zu ermöglichen.

Kontrollzwang und ruppiger Umgangston

Kann das gutgehen? Zwar ist jetzt erst einmal parlamentarische Sommerpause. Aber die politische Debatte geht ja weiter. Die Euro-Krise ist mitnichten beendet. Und auch innerhalb der SPD sind mehrere Fragen ungeklärt, programmatische wie strategische. Weder hat man sich bisher auf das Wahlkampfprogramm für 2013 verständigt, geschweige denn auf einen Kanzlerkandidaten.

Diejenigen, die Gabriel gut kennen, sind jedenfalls skeptisch, dass er sich wirklich aus dem Tagesgeschäft zurückhält. Auch während seiner Urlaube pflege er den "permanenten Dialog", berichtet eine enge Mitarbeiterin. Gerade wenn er ein bisschen Zeit hat, kommt er zum Denken und zum Schreiben. Dann simst er aus seinem Heimatort Goslar pausenlos Arbeitsaufträge in die Parteizentrale. Genauso regelmäßig kritisiert er aus dem Off, wenn ihm irgendwas nicht passt. "Umtriebig" sei der Chef eben, heißt es bei Genossen, die ihm wohlgesonnenen sind. Andere leiden unter Gabriels Kontrollzwang und seinem ruppigen Umgangston.

Kein Dogmatiker

Gleichzeitig profitiert die SPD aber auch von Gabriels Mitteilungsdrang. Am Mittwoch beispielsweise besucht er eine Buchpräsentation des SPD-Verteidigungsexperten Hans-Peter Bartels . In dessen Buch geht es um die Bundeswehr und den Krieg als solchen. Das ist nicht unbedingt Gabriels Spezialgebiet. Dennoch holt er, eigentlich nur um ein Gastwort gebeten, zu einer großen außenpolitischen Rede aus. Er beginnt mit einem Churchill-Zitat. Später zitiert er Barack Obama , Joachim Gauck und John F. Kennedy . Nebenbei skizziert er seine Vorstellung von einer künftigen europäischen Armee, er kommentiert die Vorgänge in Syrien und träumt von einer "zweiten Gründung Europas ". Das alles in 15 Minuten.

Gabriel sagt, er habe Bartels Buch "gern gelesen". Und tatsächlich: Man nimmt es ihm ab, dass er gerade nicht nur eine Zusammenfassung seiner Referenten referiert, wie das viele Spitzenpolitiker tun würden. Vermutlich hat er das Buch zumindest quergelesen, irgendwann zwischen zwei Fiskalpakt-Verhandlungen. Gabriel, der aus ebenso einfachen wie zerrütteten Familienverhältnissen stammt, brenne seit seiner Jugend darauf, sich weiterzubilden, sagt einer, der ihn lange kennt. Öffentlich werde ihm Sprunghaftigkeit nachgesagt, sagt der Vertraute. Tatsächlich aber sei er nur eben kein Dogmatiker, sondern ein wissbegieriger und autodidaktisch veranlagter Freigeist.