Mit deutlichen Worten mahnt Bundespräsident Joachim Gauck Bundeskanzlerin Angela Merkel , den Bürgern die Maßnahmen zur Euro-Rettung zu erklären. "Sie hat nun die Verpflichtung, sehr detailliert zu beschreiben, was das bedeutet, auch fiskalisch bedeutet", sagt Gauck im ZDF-Sommerinterview, über das die heute-Sendung am Samstag bereits in Auszügen berichtete. Der Politik fehle die Bereitschaft, in der Finanzkrise Klartext zu reden.

Die Verfassungsklagen gegen den dauerhaften Euro-Rettungsfonds ESM begrüßte der Bundespräsident. "Die Kläger haben alles Recht, ihre Sorgen zum Ausdruck zu bringen", sagt Gauck. "Ich bin froh, dass dieser Weg beschritten wird." Er wünsche sich eine breite gesellschaftliche Debatte. Mit den Argumenten der Kläger habe er sich "sehr intensiv auseinandergesetzt und auch nachgefragt".

Nach der Zustimmung von Bundestag und Bundesrat Ende Juni zum europäischen Fiskalpakt und zum Rettungsfonds ESM waren mehrere Verfassungsklagen gegen die beiden Gesetzesvorhaben in Karlsruhe eingegangen. Gauck hatte deshalb erklärt, er werde die Gesetze zunächst nicht unterzeichnen . Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe verhandelt am Dienstag über die Eilanträge . Mit einer Entscheidung des höchsten deutschen Gerichts wird noch im Juli gerechnet.

Politik soll mehr kommunizieren

Die Ergebnisse des Brüsseler EU-Gipfels vergangene Woche bewertete Gauck aus deutscher Sicht als nicht zu negativ. Bei Verhandlungen und Auseinandersetzungen setze sich selten eine Seite komplett durch. Finanzprobleme bräuchten Zugeständnisse. Für den italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti sei es offenbar wichtig gewesen, "nach Hause zurückzukehren und in seiner Bevölkerung Handlungsfähigkeit zu demonstrieren", sagt Gauck. "Für mich war aber wichtig zu hören, dass nicht alle Felle davongeschwommen sind und dass auch nicht rote Linien überschritten sind."

Ausführlich geht der Bundespräsident im ZDF-Interview auf die Schwierigkeiten der Politik ein, den Bürgern die Notwendigkeiten zur Lösung der Euro-Krise zu vermitteln. "Manchmal ist es mühsam, zu erklären, worum es geht. Und manchmal fehlt die Energie, der Bevölkerung sehr offen zu sagen, was eigentlich passiert. Da kann ich helfen." Die Politik insgesamt würde manchmal zu wenig kommunizieren.

Respekt für die Kanzlerin

Selbstkritisch zeigt sich Gauck im Rückblick auf seine Äußerung vom April, wonach er keine Bedenken wegen der Verfassungsmäßigkeit des deutschen Euro-Rettungskurses habe. "Da hätte mehr Zurückhaltung mir gut gestanden." Er verwies aber auch darauf, dass seine Äußerung in dem Interview von damals spontan und keinesfalls geplant gewesen sei. Die Worte waren ihm damals als Bevormundung des Gerichts ausgelegt worden.

Zugleich spricht Gauck der Kanzlerin seinen Respekt aus: "Ich könnte nicht, was sie kann und was sie gerade leistet." Das ZDF-Sommerinterview wird ab 19.10 Uhr in voller Länge ausgestrahlt. In einer Woche interviewt die Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios dann Angela Merkel.