ZEIT ONLINE : Herr Trittin , für Wirtschaftsminister Philipp Rösler hat ein möglicher Euro-Austritt Griechenlands seinen Schrecken verloren . Sehen Sie das auch so?

Jürgen Trittin: Das Gequatsche von Herrn Rösler ist verantwortungslos. Solche Spekulationen führen zu schlechteren Rating-Perspektiven für Deutschland , wie man heute sieht. Wir sollten die Ruhe bewahren und auf geordnete Verfahren setzen. Die Troika ist dabei, die Situation Griechenlands zu prüfen. Wir sind gut beraten, ihren Bericht abzuwarten.

ZEIT ONLINE: Was passiert, wenn die Troika zu dem Schluss kommt, dass Griechenland nicht zu helfen ist?

Trittin: Dann hat Deutschland ein Problem. Über die Ansteckungsgefahr in der Euro-Zone schweigen selbsternannte Experten wie CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt , die schon seit Monaten von einem Austritt Griechenlands aus dem Euro schwafeln. Er und Rösler unterschlagen, welche Folgen ein griechischer Staatsbankrott für die deutsche Wirtschaft haben könnte. Ich kenne in der deutschen Wirtschaft keinen Unternehmer, der einen Austritt Griechenlands aus dem Euro für eine besonders gute Alternative hält.

ZEIT ONLINE: Griechenland muss also auf jeden Fall weiter unterstützt werden, um einen möglichen Dominoeffekt zu vermeiden?

Trittin: Wir müssen erst die Fakten kennen und dann entscheiden. Es nutzt doch nichts, jetzt lautstark Was-wäre-wenn-Szenarien herbeizureden. Und wir müssen die Folgen auch auf andere Krisenstaaten abwägen. Griechenland ist nicht das einzige Problem. Über Spanien und Italien redet die Kanzlerin nur nicht so gerne. Hier kann sie nämlich nicht ihr Austeritäts-Märchen erzählen. Trotz strenger Sparmaßnahmen leiden beide Länder weiter unter massivem Zinsdruck bei Staatsanleihen. Italien und Spanien sind das beste Beispiel dafür, dass Angela Merkel die Krise falsch analysiert hat.

ZEIT ONLINE: Die Grünen tragen diese Politik doch im Bundestag mit .

Trittin: Falsch, am Ende folgt Merkel immer uns. Angela Merkel hat mit ihrem Zaudern und Zögern die Krise angeheizt. Von ESM bis zum Wachstumspaket hat die Regierung mit Monaten Verspätung immer das gemacht, was wir lange gefordert haben, sie aber vorher mit Empörung zurückgewiesen hat. Und wir haben aus der Opposition einiges durchgesetzt: Die Finanztransaktionssteuer wird kommen, wir haben Wachstumshilfen für die südlichen Krisenstaaten beschlossen, wir tun wichtige Schritte in Richtung einer Bankenunion, die wir ebenfalls schon lange anregen. Die Frage ist also: Wer trägt wessen Politik mit?

ZEIT ONLINE:
Warum haben sich dann bei der Abstimmung über die Spanien-Hilfen 10 der 68 Grünen-Abgeordneten enthalten, darunter der finanzpolitische Sprecher der Fraktion ? Und warum sagen die Abweichler: Der Bundestag hat dem EFSF eine gefährliche "Generalvollmacht" gegeben. Haben Sie da nicht eine Vertrauenskrise in der eigenen Fraktion?

Trittin: Nein. Es gab eine klare Empfehlung der Europa-, Finanz- und Haushaltspolitiker in unserer Euro-AG. Die Grünen haben im Haushaltsausschuss durchgesetzt, dass vor einem Auszahlen weiterer Gelder an Spanien das Gremium zu befragen ist. Daher gibt der Bundestag keinen Blankoscheck. Aber man kann bei diesen schwierigen Entscheidungen auch zu anderen Abwägungen kommen, das respektiere ich.

ZEIT ONLINE: Am vergangenen Donnerstag hat der Bundestag zwei wichtige Abstimmungen gegen den Mehrheitswillen der Bürger getroffen. Gleichzeitig zeigt eine Umfrage von ZEIT ONLINE , dass die Deutschen dem Parlament sogar noch weniger vertrauen als dem Verfassungsschutz. Wie lange geht so was gut?

Trittin: Es ist ein Kennzeichen der repräsentativen Demokratie, dass die gewählten Abgeordneten nach freiem Gewissen entscheiden. Diese Entscheidungen können auch mal gegen die vermeintlichen Mehrheiten von Meinungsumfragen sein. Das Problem ist doch ein anderes. Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat die Menschen in der Euro-Krise belogen und das merken sie ganz genau. Bis heute schwätzt die Koalition davon, dass es keine gemeinschaftliche Haftung gibt. Doch bei der EZB liegen schon 300 Milliarden an Staatsanleihen, wir haften für 100 Milliarden davon. Diese Heuchelei macht die Menschen misstrauisch.

ZEIT ONLINE: Sie wollen mehr Rechte für das Europäische Parlament und sagen, dies ist auch ohne Grundgesetzänderung zu machen. Wie das?

Trittin: Das Grundgesetz verpflichtet Deutschland zum Auf- und Ausbau einer europäischen Gemeinschaft. Man kann also auf der Basis des Grundgesetzes die notwendigen Schritte hin zu einer Wirtschaft- und Finanzunion gehen. Wichtig ist, dass die demokratische Legitimation gewährleistet bleibt. Wozu ich als nationaler Parlamentarier nicht bereit bin, ist Kompetenzen an Regierungsinstitutionen oder an zwischenstaatliche Institutionen zu übertragen. Bei einer Stärkung des EU-Parlaments ist man auch als nationaler Parlamentarier bereit, Rechte abzugeben.

ZEIT ONLINE: Herr Trittin, vor zehn Jahren noch waren Sie der "linke Bürgerschreck" der rot-grünen Koalition. Heute sind Sie parteiübergreifend anerkannter Realpolitiker, werden gar als künftiger Finanzminister gehandelt. Wer hat sich mehr verändert: Ihre Umwelt oder Sie?

Trittin: Ich kann in meiner Biografie keine großen Brüche feststellen. Ich wollte die Atomkraft immer abschaffen, die Energiewende einleiten, ich war immer für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, für die Gleichstellung von Homosexuellen. Früher galt das vielleicht mal als links-außen, als exotische Randposition. Insofern ist die Gesellschaft ein Stück nach links gerückt, das ist doch erfreulich.