Altkanzler brauchen etwas zeitlichen Abstand zu ihrem Amt, um wieder eine größere Reputation zu erlangen. Helmut Schmidt beispielsweise war nach seiner Abwahl 1982 äußerst unpopulär. Heute genießt er ein derart hohes Ansehen, dass es seinen Nachfolger Helmut Kohl vermutlich immer noch insgeheim ärgert. Kohl immerhin wird heute in weiten Teilen seiner CDU inbrünstig verehrt, anders noch als unmittelbar nach seinem Machtverlust und dem Spendenskandal.

Gerhard Schröders Auszug aus dem Kanzleramt ist auch schon wieder sieben Jahre her. Noch aber hat er beides nicht wiedererlangt: weder öffentliche noch innerparteiliche Wertschätzung. Damals, 2005, schied er im Streit. Die Partei verübelte ihm die Agenda-Reformen, die Leitartikler spotteten über das gealterte Alphatier. Schröder selbst änderte wenig an seinem Ruf. Er heuerte in der Privatwirtschaft an und machte sich öffentlich rar. Er, der einst medial dauerpräsent war, war plötzlich abgetaucht. Man ärgerte sich ab und zu über seine Berater-Verträge. Was ihn politisch so umtrieb, war unklar, und den meisten eigentlich auch egal.

Nun aber meldet Schröder sich zurück. In einer publizistischen Offensive signalisiert er, dass er sich wieder stärker in den politischen Diskurs einbringen möchte. Nach Gastbeiträgen in deutschen Zeitungen folgte am Wochenende ein Interview im Wall Street Journal . Und am gestrigen Dienstag gab er dem Bayerischen Rundfunk (BR) ein 45-minütiges Interview.

Schröders Thema ist Europa . Die Krise des Kontinents gebiete es, dass er sich einbringe, sagte er am Ende des BR-Interviews. Gleichzeitig sieht er die EU-Krise wohl aber auch als geeigneten Anlass, um an seine eigene Lebensleistung zu erinnern.

Schröder verteidigt Merkel

Schröders Botschaft hat zwei Richtungen. Zusammengefasst lautet sie: Seine Reformen seien die Voraussetzung für die heutige Wirtschaftskraft Deutschlands gewesen. Daraus müsse man nun für die EU die richtigen Schlüsse ziehen. Es ist ein Versuch, einerseits die Vergangenheit zu legitimieren und andererseits sich als Ratgeber für die Zukunft zu empfehlen.

Zu seiner Zeit habe Deutschland als "unreformierbar" gegolten, als "kranker Mann von Europa", sagte Schröder dem Wall Street Journal . Aber die Agenda 2010 habe bewiesen: "Es geht." Dass die Bundesregierung in den südeuropäischen Krisenstaaten nun ebenfalls auf Schuldenabbau und Sozialstaatsreformen dränge, sei richtig. Den Kurs des neuen französischen Präsidenten, der das Rentenalter kürzt und die Reichensteuer erhöht, bezeichnet er dagegen als "echte Katastrophe".

Überhaupt zeigt sich der Altkanzler solidarisch mit seiner Nachfolgerin . Gegen die Kritik von Joachim Gauck , Merkel müsse Europa besser erklären, verteidigt er sie ausdrücklich. Das sei "leicht gesagt", knurrte er im BR. Aber es sei "keineswegs nur Sache der Bundeskanzlerin", sondern auch die des Präsidenten. Er gehöre nicht zu Merkels "schärfsten Kritikern", konzedierte er.