Bayern muss sich endlich wehren, findet Wilfried Scharnagl . Das CSU-Urgestein hat sich fein gemacht für seine Buchvorstellung, er trägt dunklen Zwirn und ein rotes Einstecktuch zur rotgemusterten Krawatte. Sein Heimatland, erklärt Scharnagl dem mehrheitlich ergrauten Publikum, habe die "Bevormundungen" der vergangenen Jahre zu lange einfach so hingenommen.

Welche das sein sollen? Nun, zum Beispiel der "Raubzug" Länderfinanzausgleich . Bayern müsse Milliarden zahlen und einige Bundesländer verstünden das Geld als "Beitrag zur Beibehaltung eines gemütlichen Dauerzustands". Unverschämt, findet der 73-Jährige das, schließlich sei in Bayern "arbeiten und Steuern zahlen noch für eine große Mehrheit der Bevölkerung selbstverständlich". Im Gegensatz zu Berlin , da fällt der Name des Übeltäters dann, wo "ein immer größerer Teil der Bevölkerung von staatlichen Transferleistungen lebt."

Unerträglich ist für Scharnagl auch dies: Die ständige Gängelung des Freistaats durch die Bundespolitik, die die Länderkammer ignoriere, ja den Bundesrat zum Abnick-Instrument aus parteipolitischen Erwägungen verkommen ließe. Entsetzen herrscht beim CSU-Veteranen zudem über die EU , die den "bayerischen Bauern" vorschreiben wolle, wie sie die Furchen zu ziehen hätten. Zuletzt und brandaktuell dann diese Euro-Rettung, von der christdemokratischen Kanzlerin als "alternativlos" bezeichnet : Die Milliarden-Rettungshilfen bedrohten nur Bayerns Wirtschaftskraft, außerdem liefen sie in ein "Fass ohne Boden", urteilt Scharnagl, beim armen Griechen in Athen seien sie definitiv nicht angekommen.

"Bayern kann es auch allein"

Man glaubt es dem 73-Jährigen, der sich gern als langjähriger Vertrauter von Franz-Josef Strauß preisen lässt, sofort: Die Angst um die Zukunft seines Heimatlandes treibt ihn mehr als um, trotz und gerade wegen seines fortgeschrittenen Lebensalters. Daher hat Scharnagl nun eine kühne Streitschrift verfasst. Deren Conclusio ist zugleich der Titel des natürlich in patriotischem Weiß-Blau eingefassten Buches: " Bayern kann es auch allein ."

Scharnagl glaubt, belegen zu können, dass Bayern sich problemlos von der Bundesrepublik abspalten kann: Immerhin 12,5 Millionen Einwohner habe seine Heimat, ruft er. Vollbeschäftigung quasi! Hohe Zuzugsraten verzweifelter innerdeutscher Wirtschaftsflüchtlinge! ("Sie stimmen mit den Füßen ab!") Nicht zu vergessen die wunderschöne Landschaft! Und die Tugenden der Menschen! (Ausnahmslos alle stolz und fleißig!) Das beste: Der rechtliche Rahmen für den Bayern-Austritt aus der Bundesrepublik-Zone sei auch schon gesetzt: "Die bayerische Verfassung ist die eines Vollstaates!" Für die praktische Umsetzung eines Bayern-Austritts könnte Schottland Modell stehen. Solidarisch mit der "Mutter" Deutschland, betont Scharnagl noch, werde Bayern natürlich immer bleiben. Wie, lässt der Autor offen.

Nur eines passt an diesem Donnerstag nicht zur weiß-blauen Bayern-Show: Zur Buchvorstellung hat Scharnagl ausgerechnet in feindliche Umgebung geladen: Ein Veranstaltungsraum am Pariser Platz, Berlin (!), nur einen Steinwurf entfernt vom Brandenburger Tor, Wahrzeichen Preußens (und auch der schon mal erfolgten deutschen Teilung, aber das nur am Rande). An ein anderes Vorkommnis erinnert Scharnagl höchstselbst: Es seien die Preußen gewesen, die die Bayern einst zur Aufgabe ihrer Souveränität und ins Deutsche Reich gezwungen hätten.