In der Linken scheinen die Zeichen auf Aussöhnung zu stehen: Fraktionschef Gregor Gysi kann sich die frühere Chefin der Kommunistischen Plattform und innerparteiliche Gegnerin plötzlich als seine Nachfolgerin vorstellen. Mit ungewohnt lobenden Worten beschreibt der 64-Jährige die prominente Ostdeutsche in einem Interview der Zeitschrift Bunte .

Gysi preist die Wandlung, die Wagenknecht von der Erzkommunistin zur linken Linkspolitikerin angeblich durchlebt hat. "Heute hat sie nicht nur Karl Marx , sondern auch Ludwig Erhard gelesen", sagt der Fraktionschef – "und verstanden", setzt er nach, als hätte die scharfsinnige Wagenknecht ein intellektuelles Problem.

Noch vor Wochen trachtete Gysi danach, Wagenknecht als Parteichefin zu verhindern. Der ostdeutsche Reformerflügel der Linken sollte durch eine erfahrene Kraft an der Bundesspitze vertreten sein. Das misslang, denn auf dem Wahlparteitag in Göttingen standen sich im Juni Ost-Realpolitiker und westdeutsche Fundamentalisten unversöhnlich gegenüber.

"Gute Entwicklung gemacht"

Gysi hatte in einer Brandrede vor Hass gewarnt, der die Partei zersetze. Auf dem Parteitag zeigte sich der tiefe Graben, der ihn vom seinem westdeutschen Counterpart Oskar Lafontaine trennt – der zudem mit Wagenknecht liiert ist. In dieser komplizierten Gemengelage wurde Wagenknecht schließlich Parteivize. An der Spitze setzten sich – nach von Häme bestimmten Wortgefechten – der bis dahin weitgehend unbekannte West-Gewerkschafter Bernd Riexinger und die Dresdner Nachwuchslinke Katja Kipping durch.

Wagenknecht hat sich seitdem weiter gewandelt. Sie habe "eine gute Entwicklung gemacht", lobt Gysi. In der Tat setzte die gebürtige Thüringerin deutlich andere Akzente als früher: Über die Landesliste in Nordrhein-Westfalen zog sie 2009 in den Bundestag ein und profilierte sich seitdem als Wirtschaftspolitikerin. Im Juli überraschte sie mit einem Konzept zur Lösung der Euro-Krise , das in Teilen auch für Liberale akzeptabel sein dürfte: kein Risiko ohne Haftung, Schuldenschnitt bei 60 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung, Regulierung der Banken.

Eine Bilanz, die Wagenknecht aus Gysis Sicht für die Fraktionsspitze qualifiziert: Wagenknecht könne durchaus seine Nachfolgerin werden, sagt er. "Irgendwann steht der Generationswechsel an, ich würde es ihr gönnen."

Zugang zu gehobenen Kreisen

So wie Gysi es sieht, stehen der fotogenen Thüringerin im politischen Diskurs Mittel zur Verfügung, auf die andere Mitmenschen nicht zugreifen können. "Sie hat einen distanzierten Charme, der Männer besonders reizt." Wie sich das politisch auswirken könnte, lässt er jedoch offen.

Geht es nach dem Fraktionsführer, ist Wagenknecht auch der Türöffner der Partei zu Unternehmensbossen und Aufsichtsräten. "Sie hat jetzt Zugang zu gehobenen Kreisen, deren Vertreter sie gern einladen", erläutert Gysi. Die Partei der sozial Benachteiligten strebt damit offen nach mehr Akzeptanz unter den Wertschöpfern des Landes.

Bisher hielt sich die Zuneigung der Wirtschaft zur Linken in Grenzen – sie erhält im Parteienvergleich die wenigsten Spenden. Wo bei der CDU oder FDP die Konzerne Hof halten, dominieren den Ausstellungsbereich der Linken-Delegiertentreffen stets Gewerkschaften, Hilfsorganisationen und die parteinahem Zeitungen.

Gysi erklärt in dem Interview auch sein Zerwürfnis mit Lafontaine für beendet: "Wir verstehen uns wieder gut und sprechen so deutlich miteinander wie nie zuvor", sagte er. In der Sache einig sind sich die Kontrahenten aber noch lange nicht. Doch Gysi klingt hoffnungsvoll: Der Ton sei wieder besser geworden, sagt er. "Wir meistern die Widersprüche." Dialektik gehört also auch weiterhin zur Linken – wie zu Marx und Engels.