Eigentlich hätte es eine gute Woche für die SPD  werden können: Die Koalition zerlegt sich bei der Zuschussrente, die Arbeitsministerin demontiert sich selbst . Was für eine Vorlage für die Partei, um auf ein ur-sozialdemokratisches Thema eine sozialdemokratische Antwort zu geben, die Aufmerksamkeit in Zustimmung für die eigene Position zu verwandeln.

Das Problem nur: Die SPD hat gar keine Antwort. Bereits vor Monaten sollte ihr Rentenkonzept fertig sein, doch stattdessen ringt die Partei bis heute um einen Kompromiss. Einerseits waren es ihre Spitzenleute, die vor Jahren die Absenkung des Rentenniveaus von 51 auf 43 Prozent beschlossen haben. Diese Absenkung ist es, die wesentlich zu der befürchteten Altersarmutswelle in 10 bis 20 Jahren beitragen wird. Andererseits will längst fast die gesamte Partei diese Absenkung lieber heute als morgen zurücknehmen.

Daraus ergeben sich zwei Probleme, ein finanzielles und ein personelles: Zum einen würde eine höhere Rente Milliarden kosten, von denen niemand so genau weiß, wo sie herkommen sollen. In ihrem vorläufigen bundespolitischen Finanzkonzept aus dem September 2011 ist dafür kein Geld vorgesehen. Sollen die Wähler ihr den Spar-Kurs abnehmen, kann die Partei nun schlecht nachträglich ein paar Milliarden mehr verplanen.

Um Glaubwürdigkeit geht es auch bei der personellen Dimension des Renten-Dilemmas: In Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück haben gleich zwei von drei möglichen Kanzlerkandidaten deutlich gemacht, dass sie die Niveauabsenkung nicht zurücknehmen wollen. Insbesondere Steinmeier hat als Architekt der Agenda 2010 die niedrigere Rente mit durchgeboxt, für ihn wäre eine "rote Linie" überschritten, "das Rentenniveau auf heutigem Stand festzuschreiben", sagte er vor einigen Wochen, und erst am heutigen Freitag legte er zur Frage 51 oder 43 Prozent in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung nach: "Da würde ich nicht drangehen". Deshalb ist die Rentenfrage so heikel für die SPD: Weicht sie weit von der Linie ihrer Führungsfiguren ab, was die meisten in der Partei eigentlich wollen, könnte sie nebenbei zwei aus ihrer Spitzen-Troika verbrennen. Denn wie sollten Steinmeier oder Steinbrück glaubwürdig ein Renten-Konzept vertreten, gegen das sie sich vorher mit Händen und Füßen gewehrt haben?

Kommt ein Mitgliederentscheid?

Am kommenden Montag will Parteichef Sigmar Gabriel dem Vorstand nun endlich einen neuen Vorschlag unterbreiten, mit dem alle Seiten leben können. Der Parteikonvent Ende November soll dann endgültig zustimmen. Allzu viel Spielraum hat Gabriel dabei nicht. Denn die Gegner der Renten-Kürzung nehmen keine Rücksicht auf die heiklen Personalfragen und machen weiter Druck. So sagt der Berliner SPD-Chef Jan Stöß zu ZEIT ONLINE: "Ob die Absenkung des Rentenniveaus aufgehalten wird, ist der zentrale Knackpunkt." Und: "Bei 51 Prozent sollte Stopp sein!" Stöß gehört zu den SPD-Politikern, die gegebenenfalls sogar die Basis in Sachen Rente entscheiden lassen wollen. "Sollte der Vorschlag des Parteivorstands eine Absenkung auf deutlich unter 50 Prozent beinhalten, werden wir sicher weiter über einen Mitgliederentscheid zu dieser Frage diskutieren."