Dieser sowieso schon historische Tag in Karlsruhe beginnt mit einem denkwürdigen Auftritt von Herta Däubler-Gmelin : Gegen neun Uhr morgens bremst ein knallroter Audi genau vor den Eingangstüren des Karlsruher Bundesverfassungsgerichts. Blitzlichtgewitter. Am Steuer sitzt – ganz unprätentiös – die Vertreterin von 37.000 Bürgern, die gegen den Europäischen ESM geklagt haben. Offenbar hat die ehemalige Bundesjustizministerin den Weg zum Parkplatz nicht gefunden. Däubler-Gmelin kurbelt das Fenster herunter und begrüßt fröhlich die Journalisten, winkt in die Kameras. Dann fährt sie wieder davon und parkt woanders.

An diesem Mittwoch schaut die ganze Welt auf Karlsruhe, die sonst so beschauliche badische Beamtenstadt. Das Bundesverfassungsgericht verkündet seine Entscheidung, bei dem es um nichts weniger als um das mögliche Aus für die bisherige Euro-Rettungspolitik geht. Soll am Ende ausgerechnet das so wichtige Deutschland den permanenten Rettungsschirm nicht ratifizieren dürfen? Die Folgen für die Gemeinschaftswährung, für die Finanzmärkte und am Ende auch die wirtschaftliche Situation Deutschlands, das erklärte die Bundesregierung in den vergangenen Wochen mantrahaft, wären unvorhersehbar. Auch der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Bundestagfraktion, Volker Beck – ein Oppositionspolitiker – sprach noch bei Ankunft in Karlsruhe in die Kameras: "Ich will mir nicht ausmalen, was passieren könnte, wenn der ESM gestoppt würde."

Also herrscht Andrang im provisorischen Gebäude des Verfassungsgerichts, ein wenig außerhalb der Innenstadt. Journalisten berichten weltweit in ihre Heimatländer. Einer von ihnen ist Han Mo, Deutschland-Korrespondent der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua. Die Karlsruher Entscheidung, sagt er, sei der Schlüssel für die Bewältigung der Euro-Krise. Deshalb würden die politischen Debatten und der Gerichtsprozess in China sehr aufmerksam verfolgt. Han Mo, der von sich sagt, er sei ein großer Deutschland-Fan, arbeitet seit drei Jahren für Xinhua in Berlin . Er findet es sehr gut, dass die Bundesrepublik mit so großen Beträgen für die Euro-Rettung bürgen will.

Gegner kritisieren Umverteilung

Ganz anders sieht das jenes bunte Häuflein Demonstranten, das sich im Nieselregen vor dem Gebäude versammelt hat. Hinein dürfen sie nicht, Plätze für Besucher sind rar. An der Einfahrt zum abgesicherten Bereich des Höchsten Gerichtes trommelt einer mit ernstem Gesicht und ruft: "Stoppt den ESM!" Eine junge Frau ist sich sicher: "Der Euro wird so oder so zusammenbrechen." Ein anderer glaubt zu wissen: "Wie es ausgeht, stand schon in der FAZ am Samstag. Der ESM wird durchgewunken, mit ein paar Auflagen." Er soll recht behalten.

Auch ein Vertreter von attac steht vor dem Tor, er hält sich mit seiner Fahne bewusst ein wenig abseits. "Wir sind ja für Europa ", sagt Georg Rammer: "Es geht aber um Umverteilung. Diejenigen, die von der Krise profitiert haben, werden auch mit dem Rettungsschirm weiter von der Krise profitieren. Die Lasten werden der Bevölkerung aufgehalst."

So unterschiedlich sind die Motive der ESM-Gegner, die in der laufenden Diskussion gerne als "Euro-Skeptiker" über einen Kamm geschoren werden. Auch Kläger-Vertreterin Däubler-Gmelin kann davon erzählen. Schließlich haben sich ihr "viele, viele Tausend Bürger" angeschlossen, wie sie drinnen unermüdlich in die Kameras sagt. Die 53-Jährige gibt an diesem Morgen unzählige Interviews, genauso wie der CSU-Politiker Peter Gauweiler , der andere Prominente ESM-Kläger. Kaum ist ein Journalist durch mit seinen Fragen, wird den beiden schon das nächste Mikrofon unter die Nase gehalten.