Silke ist nicht Michelle Obama . Das Schlosshotel Münchhausen liegt abgelegen zwischen Hameln und Bad Pyrmont. Der Speckgürtel um Hannover ist aufgrund der sehr familienfreundlichen Infrastruktur beliebt. Im Rosengarten von Schloss Bellevue leben Eichhörnchen und gelegentlich ein Fuchs, nicht zu verwechseln mit Kai Diekmann , der auch einer ist, nur anders. Roger Moore ist aber ein toller Mann, und das Bobbycar kann von allen Kindern genutzt werden. Gemessen an der sensationalistischen Neugier, die Bettina Wulffs Buch Jenseits des Protokolls seit Wochen begleitet, klingt das doch zunächst, freundlich gesagt: unspektakulär.

Ein Berliner Kaufhaus meldete vorab ungewöhnlich hohe Nachfragen. Die Aussicht auf intimste Einblicke ins Seelenleben der ehemaligen Präsidentengattin ergab bei Amazon aus dem Stand Rang 7. Noch immer war kein Exemplar vom Zellophan befreit, da kursierten bereits erste Stellungnahmen. Besonders über Wulffs angebliches Vorleben im Rotlichtmilieu, weswegen alles ab Seite 172ff. und was man die "Stellen" nennen kann, einem einigermaßen bekannt vorkommt: Ein "Rufmord" sei das, was mit ihr geschehe, schreibt Wulff, "übelste stille Post", die begonnen habe, als ihr Mann noch Ministerpräsident war. Unerträglich ist es ihr, dass Google zu ihrem Namen automatisch "Escort" und "Rotlicht" anbiete.

Verblüffend wenig geht es um ihren Mann

Der Zorn der Autorin ist nachvollziehbar. Und vorwerfen kann man ihr nicht, dass sie in angemessener Kürze darauf eingeht. Ihr Buch soll ja viel mehr sein als eine bloße Rechtfertigungsschrift. Es ist der Korrekturversuch nicht nur der öffentlichen Meinung, sondern auch ihres Selbstbildes, das offenbar in der Zeit in Bellevue erheblich gelitten hat. "Das Fatale ist ja wirklich, wenn einmal etwas in der Zeitung stand, ist es schwer, das Behauptete aus den Köpfen der Menschen wieder herauszubekommen." Aus diesem Anlass werden Bekenntnisbücher geschrieben. Wulff berichtet davon, wie es sich anfühlt, an der Seite des ersten Manns im Staat zu leben. Wie die Familie darunter leidet. Was sie aufgeben musste und was sie dafür bekam. Es geht um Selbstbestimmung und Fremdbestimmung. Um ihre Kinder, ihre Familie. Verblüffend wenig um ihren Mann.

Natürlich kommt all das zur Sprache, woran sich die halbe Republik in einer kuriosen Mischung aus Häme und Genugtuung zurückerinnert. Hauskredit, Freund- und Seilschaften, Urlaube und Anzeigenkampagnen, schließlich der Rücktritt . Zu all dem hat Bettina Wulff etwas zu sagen. Manchmal mehr, manchmal weniger, manchmal nur einen Satz: "Mein Mann und ich, wir als Ehepaar Wulff, wurden gerne als es um die lange Liste der möglichen Vergehen ging, von den Medien über einen Kamm geschoren." Viele dieser Anschuldigungen findet sie auch heute noch falsch, es sei gelegentlich "ein falscher Eindruck" entstanden. Allerdings kritisiert sie Christian Wulffs Krisenmanagement, er hätte, statt "peu à peu auf die Vorwürfe zu reagieren", sich einmal umfassend erklären sollen.

Das ist zumindest neu. Auch distanziert sie sich von mancher ins Zwielicht geratenen Aktion ihres Mannes ("Weil es mich nicht betrifft"). Doch abzüglich der zaghaften hausinternen Manöverkritik und den Verleumdungen ihrer Vergangenheit bleiben etwa 200 Seiten übrig. Und schon während deren Lektüre setzt früh ein Völlegefühl ein: Man kapituliert vor einer hilflosen Geschwätzigkeit. Wann Wulff welches Kleid warum trägt, aber letzthin meistens das von Rena Lange. Ein normaler Satz der sich zuweilen an ihrer behaupteten Normalität berauschenden Autorin klingt so: "Neben den größeren Umbaumaßnahmen musste aber auch erst einmal eine funktionierende Dunstabzugshaube eingebaut werden..."

Angela Merkel ist "eine straighte Frau"

Den chronologisch sich vorantastenden Leser versorgt Wulff mit früheren Liebesgeschichten. Sie sei keine auf "Glamour erpichte Frau", sie besitze kein festgezurrtes Beuteschema. Die Beweisaufnahme ist eröffnet. Tom ("Teilzeit-Rettungschwimmer"), Torsten ("Er war präsent, nicht aufdringlich") und Achim ("ruhige, souveräne Art und Ausstrahlung").

Bettina Wulff betont fortwährend, wie wichtig ihr Authentizität ist, und wie ihr Buch dabei hülfe. Was aber dann als vehemente Rückeroberung ihrer Würde gemeint ist, hört sich an wie dreifach gelocht, abgeheftet und gestempelt: "Als selbstständige, selbstbestimmte und erwachsene Frau habe ich mich gemeinsam mit meinem Mann bewusst dazu entschlossen, dass er das Amt des Bundespräsidenten wahrnimmt und wir dafür nach Berlin gehen." Was unter anderem ein weitreichendes Bemöbeln der neuen Villa nach sich zieht: beigefarbene Stoffsofas, große Blumenvasen, Kerzen, Stühle und Tische, Einrichtung für zwei Kinderzimmer, neues Ehebett, ein "größerer Herd und vor allem Ablage- und Arbeitsflächen" und allerhand mehr von dem, was "heute größtenteils in Großburgwedel" stehe. Als detailgetreu lobte das der Tagesspiegel .

Mürbe Tage in Großburgwedel

Worin das grundsätzlich Interessante an dem Buch besteht, das die Süddeutsche Zeitung in einer Vorabkritik entdeckt haben will , lässt sich kaum ahnen. Als Geschichte einer Frau, die plötzlich Prinzessin wurde, taugt es genauso wenig, wie als kleines Schwarzbuch der Bundespolitik und ihrer Hinterzimmer: Man erfährt, dass Angela Merkel "eine wahnsinnig beeindruckende, straighte Frau" ist. Dass Ministerpräsidentenhaushalte Stahltüren haben, "die selbst Linus als Vierjähriger nicht geöffnet bekommt". Dass Christian Wulff ihr von "seinem Gehalt den Nettobetrag überweisen würde", den sie bei Rossmann verdient habe. Und nach mürben Tagen in Großburgwedel müsste vielleicht mal der Dermatologe kommen: "Meine Gesichtshaut schlug bereits Alarm."

Es gebe Bücher, bei denen zuerst der Gedanke käme und dann die Sprache, hieß es in einer Kritik. Aber schön wäre es doch, wenn man nicht laufend umstellt wäre von starken Powerfrauen, argem Schmunzeln, amoklaufenden Gefühlswelten und "längeren Auffahrten mit kleinem Rasenrondell". Dann käme nämlich viel schneller die Einsicht, dass das überdosierte Geschwätz die eigentliche Sache ist: Eine Art Gegenschallanlage in Buchform, die den Klatsch mit wahllosem Gerede niederquatscht und zugleich die gerechte Strafe für all jene bedeutet, die ständig ihre Nase überall reinstecken. So versucht Bettina Wulff, die Kontrolle zu behalten. Denn das ist ja ihr erklärtes Ziel, weil ihr Leben "einfach nur mein Leben ist".  Mit dem hat man am Ende nicht mehr, aber auch nicht weniger Mitleid als zuvor.