ZEIT ONLINE: Man hat den Eindruck: Egal, welche Debatte die FDP führt, ob über Europa oder Steuer-CDs, am Ende wird daraus immer eine Personaldebatte um die Führung. Teilen Sie den Eindruck?

Gerhart Baum: Da ist was dran. Ich mache das mal an der Person des Vorsitzenden Philipp Rösler fest. Es gibt Irritationen über seinen Europa-Kurs . Und in Sachen Steuer-CDs gibt es Irritation über den rechtsstaatlichen Kurs der FDP. Datenhehlerei ist in Deutschland derzeit nicht strafbar. Darüber muss man reden.

ZEIT ONLINE: Das hat die Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger getan. Sie hat angeregt, den Aufkauf von Steuer-CDs zu verbieten.

Baum: Frau Leutheusser-Schnarrenberger hat eine ganz wichtige Diskussion angestoßen: Der Staat darf sich nicht zum Komplizen von Datenhehlern machen.

ZEIT ONLINE: Aber auch diese Sachdebatte ist sofort zu einer Rösler-Debatte geworden, nachdem der sich kritisch über Leutheusser-Schnarrenbergers Vorstoß geäußert hatte.

Baum: Das hat er sich selbst zuzuschreiben. So geht man mit einer stellvertretenden Parteivorsitzenden nicht um, selbst wenn sie ihren Vorschlag nicht mit ihm abgesprochen haben sollte. Eine Partei, die Recht und Gesetz über Volksstimmung stellt, muss sich in einer solchen Frage anders verhalten als Herr Rösler das getan hat. Der Zweck heiligt im Rechtsstaat nicht jedes Mittel. Außerdem wird hier durch den Staat eine Tür zu umfassender Insider-Spionage aufgestoßen. Die Sache ist nicht nur im Hinblick auf das Steuerabkommen von Bedeutung.

ZEIT ONLINE: Hat die FDP ein Führungsproblem?

Baum: Ich will jetzt keine Rösler-Debatte eröffnen. Dafür ist jetzt nicht der Zeitpunkt. Die Partei muss Anfang nächsten Jahres entscheiden, mit welcher Mannschaft und welchen Themen sie in den Bundestagswahlkampf geht.

ZEIT ONLINE: Aber die Debatte geht doch ständig weiter: Eben hat sich Bayerns Vize-Chef Andreas Fischer gegen Rösler als Spitzenkandidat ausgesprochen.

Baum: Die Partei ist derzeit offenbar nicht bereit, eine Entscheidung über die Führung herbeizuführen. Wenn diejenigen, die heute und künftig in der FDP Verantwortung tragen, das jetzt nicht wollen, sondern erst im kommenden Jahr, dann muss man das respektieren.

ZEIT ONLINE: Hatte Philipp Rösler überhaupt eine Chance, die FDP in ihrer derzeitigen Verfassung voranzubringen?

Baum: Man muss mit Rösler fair umgehen. Es gibt Heckenschützen gegen ihn, das gefällt mir überhaupt nicht. Wenn man Kritik übt, muss man klar sagen, was man meint. So wie ich das im Fall der Datenhehlerei tue.

ZEIT ONLINE: Wie zerrissen ist die FDP? Zum Beispiel beim Europa-Kurs und dem Umgang mit Griechenland ?

Baum: Da gibt es in der Partei Stimmen und Kräfte, die mir überhaupt nicht gefallen. Ich bin ganz und gar der Meinung von Hans-Dietrich Genscher , der eine aktive Europa-Politik fordert.

ZEIT ONLINE: Sollte die FDP auch bei Koalitionsoptionen offener sein als bisher?

Baum: Auch hier hat Rösler meines Erachtens einen Fehler gemacht, indem er Koalitionen mit SPD und Grünen auf Bundesebene ausgeschlossen hat. Ich habe nichts dagegen, wenn er sich für die Fortsetzung der jetzigen Koalition ausspricht. In einem Sechsparteiensystem sollte man andere Optionen aber nicht ausschließen. Was schließt denn Frau Merkel aus? Sie hat mehrere Optionen.