Neue Zahlen aus der Linkspartei stellen das Ergebnis der Vorstandswahl auf dem Chaos-Parteitag von Göttingen im Juni infrage. Die westdeutschen Landesverbände hatten beim Parteitag im Juni weit mehr Delegierte in den Sitzreihen als ihnen zustehen.

So lassen sich laut Mitteldeutscher und Berliner Zeitung jedenfalls die Zahlen interpretieren, die Linkspartei-Schatzmeister Raju Sharma zusammengetragen hat. Sie untermauern zudem einen lang existenten Verdacht, den die ostdeutschen Landes- und Fraktionschefs jetzt in einem Brief an die Parteivorsitzenden artikulierten: Dass bei der Verteilung der Delegiertenmandate durch die Landesverbände "mit zu hohen Mitgliederzahlen getäuscht" wird.

Die Delegiertenzahl bemisst sich an der Mitgliederkartei. Mitglied ist aber nur, wer bezahlt. Und in westdeutschen Landeszentralen fehlt für das Jahr 2012 von bis zu 20 Prozent der Zahlungspflichtigen die Überweisung. Im Osten sind es nur sechs Prozent.

Triumphgeheul der Westlinken

Wäre es in Göttingen korrekt zugegangen , hätte möglicherweise der ostdeutsche Reformpolitiker Dietmar Bartsch die Wahl zum Parteivorsitzenden gewonnen – und nicht der Stuttgarter Gewerkschaftsfunktionär Bernd Riexinger , der Bartsch mit 297 zu 251 Stimmen schlug.

Für die beiden Führungsposten hatten sich anfangs zehn Kandidaten beworben. Nach heftiger Debatte setzte sich neben Riexinger die sächsische Nachwuchsfrau Katja Kipping durch. Im Anschluss war das Verhältnis zwischen Ost und West gründlich zerrüttet, das Triumphgeheul der Westlinken am späten Samstagabend ging in die Parteigeschichte ein. Fraktionschef Gregor Gysi sprach von "Hass".

Sharmas Zahlen böten Anlass, die Abstimmung von Göttingen anzufechten. Doch Lust, das Ergebnis der Vorstandswahl infrage zu stellen, will keiner öffentlich artikulieren. Schließlich steht der Partei ein Bundestagswahlkampf bevor, den nicht interne Querelen überlagern sollen. "Die Ergebnisse von Göttingen sind zu akzeptieren", sagt der damals unterlegene Bartsch ZEIT ONLINE. "Wir müssen den Blick auf die Auseinandersetzung mit dem bundespolitischen Konkurrenten richten."

"Unterschrift nach drei Bier"

Sein Rostocker Parteikollege Steffen Bockhahn, Landeschef in Mecklenburg-Vorpommern, sieht das ähnlich. Wie viele ist er der Ansicht, dass die Kräfterelationen von Göttingen "nicht mit den realen Verhältnissen übereingestimmt haben". Sharmas neue Zahlen hätten für den Rückhalt der Parteiführung aber "keine Relevanz".

Die Diskrepanz zwischen Mitgliederzahlen und Delegiertenstimmen soll damals sogar noch weit drastischer gewesen sein als heute, heißt es aus der Partei. Zeitweise seien Gutwillige durch "eine Unterschrift nach drei Bier" zum Parteimitglied geworden – eingestuft mit dem Mindestbeitrag, schildern Insider.

Unmittelbar nach Göttingen bereinigte der Landesverband Saarland seine Kartei um 1.000 Personen – angeblich auf Anweisung Oskar Lafontaines, Fraktionschef im Landtag. Als das Karl-Liebknecht-Haus in Berlin die erste Ausgabe eines Mitgliedermagazins bundesweit verschickte, kamen so viele Briefe als unzustellbar zurück, "dass mehrere mit anfassen mussten", um den Postberg wegzuschleppen.

Statt die Wahl anzufechten, konzentrieren sich die unterlegenen Ostlinken auf das, was vor ihnen liegt: "Für die Zukunft Gerechtigkeit", propagiert der Rostocker Bockhahn. Den Landesverbänden und dem Bundesschatzmeister steht in den kommenden Monaten viel Arbeit ins Haus. Nur so ließen sich den Manipulationsverdächtigungen der Boden entziehen und die Glaubwürdigkeit der Partei retten. "Ich hoffe auf Beitrags- und Mitgliedergerechtigkeit bis Jahresende", verlangt Bartsch.