Seit diesem Sonntag feiern die Grünen sich als Avantgarde. Als erste Partei lassen sie die rund 60.000 Mitglieder darüber entscheiden, wer ihre beiden Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl 2013 werden . Der Beschluss ist bindend: Die Grünen-Führung und auch ein Parteitag werden an der Personalauswahl nicht mehr rütteln können.

"Ich glaube, dass wir Maßstäbe setzen können, was innerparteiliche Demokratie betrifft", sagt Parteichefin Claudia Roth. "Die Kollegen in den anderen Parteizentralen beneiden uns für unseren Mut", behauptet Grünen-Geschäftsführerin Steffi Lemke . Beim innerparteilichen Wahlkampf werde es um Inhalte gehen, "nicht um persönliche Lebensläufe oder Frisur der Spitzenkandidaten". Lemkes Aussage darf auch als Mahnung verstanden werden.

Der nun beginnende innerparteiliche Wahlkampf, der Anfang November beendet sein soll, verspricht spannend, aber vielleicht auch gnadenlos zu werden. Folgende Bewerber gibt es bisher: Die beiden Fraktionschefs Jürgen Trittin und Renate Künast , Parteichefin Roth und Bundestagsvize-Präsidentin Katrin Göring-Eckardt . Nach ZEIT-ONLINE-Informationen kommen drei weitere Bewerber von der Basis, die allerdings als praktisch chancenlos gelten. Denn nur zwei können das Rennen machen in diesem Beliebtheits-Wahlkampf, der Mitgliederentscheid wird also zwangsläufig auch Verlierer produzieren.

Eigentlich war der Länderrat, eine Art kleiner Parteitag der Grünen, am Sonntag zusammengekommen, um über Anträge zur Energiewende und zur Zukunft des Verfassungsschutzes zu entscheiden und die Urwahl formal einzuleiten. Der letzte Punkt war binnen Minuten erledigt. Doch die vier Bewerber aus der Grünen-Spitze nutzen die Zusammenkunft der rund 80 Delegierten schon einmal, um bei den Parteivertretern ordentlich Eigenwerbung zu betreiben.

Wettbewerb um die Gunst der Mitglieder

Da sah man Künast offensiv mit Ländervertretern flirten und Göring-Eckardt den Journalisten ein Interview nach dem nächsten geben. Der Wahlkampf um die Gunst der Mitglieder ist längst eröffnet. Nur die drei wenig bekannten Kandidaten von der Basis waren nicht angereist.

Parteichefin Roth will sich treu bleiben. Sie gestaltete ihre politische Rede zum Auftakt des Parteitages gewohnt emotional. Klagend erinnerte sie daran, dass "das Eis auf dem arktischen Ozean auf den geringsten Stand abgeschmolzen" sei, beschimpfte mangelndes Bewusstsein von Schwarz-Gelb für Frauenrechte, erinnerte an ihre Erlebnisse in einem Flüchtlingslager an der syrischen Grenze und forderte erneut eine "humanitäre Offensive" für die Opfer des Bürgerkrieges. Wenn man sich für Menschenrechte einsetze, sei man doch "nicht Spinner, nicht Träumer", sondern ein wahrer Realpolitiker, sagte Roth, der es gefallen haben dürfte, dass sie unlängst vom Spiegel trotz ihrer kultig-emotionalen Art mal als mögliche Außenministerin einer künftigen rot-grünen Bundesregierung gehandelt worden war.

Fraktionschef Jürgen Trittin , in Freizeitkluft und mit Fahrradhelm erschienen, gab sich gewohnt staatsmännisch. Sein Redebeitrag, eine süffisante Kritik an der Energiepolitik der Bundesregierung, kam bei den Delegierten gut an, wurde mit lautem Lachen quittiert. Wahl hin oder her: Trittin gilt als Spitzenkandidat quasi gesetzt, er ist außerordentlich beliebt und angesehen in der Partei und wurde unlängst sogar von Ex-Chef Gerhard Schröder ( SPD ) gelobt.