"Renten-Schock" – eine knallige Botschaft in Versalien, dazu eine große Tabelle mit konkreten Zahlen: Ursula von der Leyen zeigt gerade mal wieder allen, was sie am besten kann. Am gestrigen Sonntag warnte sie auf der Titelseite der Bild am Sonntag , Millionen Normalverdienern drohe bald der Gang aufs Sozialamt . Wer 30 Jahre lang 2.500 Euro monatlich verdient, muss sich mit der Grundsicherung von 688 Euro begnügen, so die Von-der-Leyen-Rechnung.

Wie gut, dass die Ministerin selbst Abhilfe zu schaffen weiß: Mit den Zahlen unterstrich sie ihre Forderung nach einer Zuschussrente, wie sie sie sich ausgedacht hat. Mit ihr sollen die Bezüge von Geringverdienern auf immerhin 850 aufgestockt werden, aber nur, wenn sie zuvor mindestens 30 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt haben. Für diese Idee ringt von der Leyen seit Monaten mit zahllosen Gegnern in der eigenen Partei und beim Koalitionspartner FDP . Der Renten-Aufschrei der Ministerin verfehlte nicht seine Wirkung. Seit der Bild-am-Sonntag -Schlagzeile sind ihre Gegner nun vollauf damit beschäftigt, der großkalibrigen und öffentlichkeitswirksamen Rhetorik der Arbeitsministerin ihre weniger spektakulären Argumente entgegenzusetzen. Liberale und Unionspolitiker kritisieren die hohen Kosten für die Zuschussrente und die hohen Zugangshürden für Bedürftige.

Der Verlauf der aktuellen Renten-Debatte ist typisch für die Politik-Methode der Ursula von der Leyen. Sie geht immer nach dem gleichen Schema vor. Schritt eins: Sie sucht sich ein Problem, das viele Menschen betrifft oder betroffen macht, und ersinnt dafür eine Lösung, die möglichst alle verstehen. Das Elterngeld gegen die niedrigen Geburtenraten zum Beispiel, die Internet-Sperren gegen Kinderpornografie, das Bildungspaket gegen Kinderarmut. Schritt zwei: Sie versorgt die Medien monatelang mit knackigen Zitaten, bildhaften Beispielen und eindrücklichen Zahlen, bis auch der und die letzte Deutsche verstanden hat, was das Problem ist und warum ihre Lösung die beste ist. Deshalb führte sie einst Journalisten Kinderpornos vor, deshalb tourte sie in der Elterngeld-Debatte durch Kindertagesstätten und platzierte über eine PR-Agentur positive Artikel in zahllosen Medien. Und nun ist ihre große Rententabelle eben rein zufällig in der größten Boulevardzeitung des Landes gelandet.

So viel Verbindlichkeit kommt gut an

Bei ihren Kampagnen lässt sie sich von Widerständen auch aus den eigenen Reihen nicht beirren. Beim Elterngeld hatte sie weite Teile der Union gegen sich, bei der Zuschussrente kämpft sie wieder gegen Parteifreunde und den Koalitionspartner FDP. Trotzdem, auch das gehört zu ihrer Selbstinszenierung, gibt sie sich siegesgewiss: "Ich stehe dafür gerade, dass hier etwas passiert", verkündete sie unlängst unmissverständlich in Sachen Zuschussrente, "Sie können mich da beim Wort nehmen". So viel Handlungswille und Verbindlichkeit kommen gut an beim Wähler. In einem Interview bekannte von der Leyen unlängst , sie beziehe ihre "Positionen mit Leidenschaft, manchmal renne ich damit auch gegen die Wand".

Ein genauerer Blick auf ihre Arbeit zeigt, wie oft von der Leyen tatsächlich gegen die Wand gerannt ist. Ihr "Zugangserschwerungsgesetz", vermeintlich gegen Kinderpornografie im Internet gerichtet, brachte ihr den Beinamen "Zensursula" ein und scheiterte letztlich kläglich. Auch für einen Mindestlohn macht sich von der Leyen seit Monaten mit markigen Worten stark, dass er auch wirklich umgesetzt wird, ist nicht erkennbar. Und vor rund einem Jahr verrannte sie sich vollkommen bei dem Versuch, sich in Sachen Euro-Krise zu profilieren. Damals forderte sie, Krisenländer müssten für ihre EU-Kredite entsprechende Goldreserven als Sicherheit vorweisen können. Ein Vorschlag, den Kanzlerin Angela Merkel mit der nüchternen Anordnung quittierte: "Ich rate, diesen Weg nicht weiter zu beschreiten." Auch das Rennen um das Bundespräsidentenamt, das sie so gerne für sich entschieden hätte, verlor sie 2010 gegen Christian Wulff .