Die Mitglieder der Neonazi-Terrorzelle NSU und deren Umfeld wurden einem Zeitungsbericht zufolge deutlich länger vom Verfassungsschutz beobachtet als bisher bekannt. Die sächsischen Sicherheitsbehörden hätten eine seit Mai 2000 laufende Abhörmaßnahme gegen die Rechtsextremisten unter dem Namen Terzett erst im November 2010 förmlich abgeschlossen, berichtete die Welt unter Berufung auf geheime Akten der Operation. Damit seien die NSU-Neonazis Beate Zschäpe , Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt noch ein Jahr vor ihrer Enttarnung als gefährlich eingestuft worden.

Der Titel Terzett soll für die drei untergetauchten Rechtsextremisten stehen. Bereits in dem Antrag zur Überwachung seien Struktur und Ziel der Terrorgruppe überraschend genau vorweggenommen worden. "Die Betroffenen stehen im Verdacht, Mitglieder einer Vereinigung zum Begehen von Straftaten gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung und schwerer rechtsextremistischer Straftaten zu sein und drei flüchtige Straftäter in der Illegalität zu unterstützen", zitierte die Zeitung aus den Akten. Die Operation habe sich gegen die NSU-Mitglieder und drei heute im NSU-Verfahren der Bundesanwaltschaft Beschuldigte sowie eine weitere Person gerichtet.

Die Unterlagen belegen dem Bericht zufolge, dass die sächsischen Verfassungsschützer über Jahre hinweg wiederholt Anhaltspunkte für ihren Verdacht sahen. Sie hätten beispielsweise 2006 die gesetzlich vorgeschriebene Benachrichtigung der Betroffenen abgelehnt. Der Präsident des sächsischen Verfassungsschutzes schickte damals dem Landesinnenministerium einen Vermerk: "Es soll keine Mitteilung erfolgen, weil es dadurch zur Gefährdung des Zweckes der Beschränkung käme."

Neonazi-Trio sollte über Abhörmaßnahme informiert werden

2009 gaben die Behörden schließlich die Hoffnung auf, die NSU-Terrorgruppe noch zu finden. Mittlerweile sei keine Gefährdung des Zweckes der Maßnahme mehr zu erwarten, schrieb der Verfassungsschutz im Mai 2009: "Sinn und Zweck der Gruppe ist durch Verjährung nicht mehr gegeben." Im folgenden Oktober wurden die vier mutmaßlichen Unterstützer der Drei dann über die neun Jahre zurückliegende Abhörmaßnahme informiert.

Auch Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt sollten damals benachrichtigt werden. Zweimal, 2009 und 2010, fragten die sächsischen Verfassungsschützer bei den anderen 15 Landesämtern und dem Bundesamt nach und baten um Ermittlungen zur Feststellung der Aufenthaltsorte oder Wohnsitze der genannten Personen. Die Bilanz war jedoch erfolglos, meldete der Verfassungsschutz dem Landesinnenministerium. Dies erklärte daraufhin am 30. November 2010, dass Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt nicht benachrichtigt werden könnten. Die Abhörmaßnahme Terzett war damit abgeschlossen.

Die Neonazi-Gruppe Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe hatte zwischen 2000 und 2007 zehn Morde verübt, war aber jahrelang unentdeckt geblieben. Erst vor einem Jahr flog der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) auf, nachdem Mundlos und Böhnhardt nach einem Raubüberfall tot in einem Wohnmobil entdeckt wurden. Die mutmaßliche Mittäterin Zschäpe und ein weiterer Beschuldigter sitzen derzeit in Haft.