ZEIT ONLINE : Herr Lubrich, Sie haben zahlreiche Reden des früheren Bundesfinanzministers und heutigen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück auf Sprachbilder und andere rhetorische Besonderheiten hin untersucht. Was ist Ihnen aufgefallen?

Oliver Lubrich : Es gibt einen ganz eigenen "Steinbrück-Sound". Die Tonlage, der Rhythmus, der leichte norddeutsche Dialekt – all das hat einen hohen Wiedererkennungswert. Steinbrück ist ein lakonischer Redner. Er formuliert kurze Sätze, prägnante Aussagen. Sein Sprachstil ist sehr bildfreudig. Steinbrück versucht oft, anschauliche Metaphern für komplexe Vorgänge zu finden. Kürzlich sprach er von "Beinfreiheit" , als es um sein schwieriges Verhältnis zur SPD-Basis ging. Aber nicht immer passen die Ausdrücke genau zueinander.

ZEIT ONLINE: Wo hat Steinbrück denn mal rhetorisch daneben gegriffen?

Lubrich : "Ob die Leitplanken auf der Zeitachse etwas versetzt werden müssen, ist abhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung." Mit solchen Sprachblüten hat er es sogar in die Harald Schmidt Show geschafft – in der Rubrick "Peers Politische Poesie".

ZEIT ONLINE: Bekannt ist der Kandidat vor allem für seine Schnoddrigkeit.

Lubrich: Steinbrück ist ein Meister der kalkulierten Ungehobeltheit. Wenn er von finanzökonomischen Fachtermini zu umgangssprachlichen Wendungen übergeht oder wenn er seine Parteigenossen als "Heulsusen" bezeichnet, dann sind das gezielte Provokationen.

ZEIT ONLINE:  Woran merken Sie, dass das kalkuliert ist?

Lubrich:  Das macht ein Politiker nicht unüberlegt. Das hat bei Steinbrück Methode. So wirkt er spontan und aufrichtig, kompetent und zupackend. Bei seinem gepflegten norddeutschen Dialekt hat man manchmal sogar das Gefühl, er übertreibt es ein wenig, es wirkt dann manieriert. Das Eigensinnige, Rohe, Rabiate gibt ihm die Möglichkeit, unpopuläre Dinge mit einem Augenzwinkern zu sagen. NIcht jedes Wort muss dann auf die Goldwaage gelegt werden.

"Den Leuten kommen wir im Moment wie eine Heulsuse vor: Wir ziehen eine Flunsch wegen der Popularität der Kanzlerin. Wir gucken verkniffen auf das Phänomen der Linkspartei. Wir klagen darüber, dass die Globalisierung uns erwischt, obwohl Deutschland davon profitiert. Wir heulen, weil wir Reformpolitik machen müssen. Wir heulen ein bisschen über Hartz IV und über die Agenda 2010"
Peer Steinbrück 2007 in einem Zeitungsinterview

ZEIT ONLINE: Ist das nicht auch riskant?

Lubrich:  Allerdings. Weil Steinbrück oft sehr trocken ironisch ist und ein gewisser schwarzer Humor bei ihm durchschimmert, ist man sich nicht sicher: Will er sarkastisch sein, will er provozieren, oder meint er es ernst? Damit geht er durchaus das Risiko ein, missverstanden zu werden. Ich erinnere nur an seine Kavallerie-Metapher im Streit mit der Schweiz , die ist hier in Bern jedenfalls nicht gut angekommen.

ZEIT ONLINE: Es heißt, die Kanzlerin sei Steinbrück rhetorisch unterlegen. Stimmt das?

Lubrich: Nicht unbedingt. Angela Merkels Rhetorik ist als Anti-Rhetorik durchaus sehr wirksam.

ZEIT ONLINE: Wie ist das zu verstehen?

Lubrich: Indem sie auf rednerischen Schmuck verzichtet, erweckt die Kanzlerin den Anschein, sie sei ungekünstelt und lege keinen Wert auf oberflächliche Finessen. Gerade das macht sie für viele CDU-Anhänger sympathisch und glaubwürdig, sie wirkt vertrauenswürdig, zuverlässig, authentisch. Ähnlich war es übrigens bei Helmut Kohl . Bei konservativen Wählern scheint eine einfache, bodenständige Ausdrucksweise besonders gut anzukommen. George W. Bush hat sich mit einer schlichten Sprache volksnah gegeben, während Barack Obama mit seinen geschliffenen Reden viel intellektueller wirkt.