Am Mittwoch als Kahrs und Co. ihre Anklageschrift an die Medien veröffentlichten, hob das Handelsblatt Steinbrück wieder auf den Titel. "Wie lange noch?", fragte die Wirtschaftszeitung . Spiegel Online raunte am selben Tag in einem Aufmacher-Text über die Grünen und ihre vermeintliche Unzufriedenheit mit Steinbrück. Focus Online schrieb über die "Fehlbesetzung" Steinbrück. Ob Steinbrück sich im Aufsichtsrat von ThyssenKrupp tatsächlich unredlich verhalten hatte, war da schon wieder unwichtig geworden. Die Meldung hatte lediglich dazu gedient, die Geschichte seines Abstieges wieder weiterspinnen zu können.

Gegen diese Dynamik scheint der Kandidat selbst machtlos. "Steinbrück hat sich nie entschieden, ob er all das jetzt ignorieren will, ob er es kleinreden oder mit Humor und Ironie kontern will", sagt Experte Weichert. "Es gibt eigentlich keine Kommunikationsstrategie, mit der er da noch rauskommen kann."

Und vermutlich wird er den Medien weiter "Futter liefern", wie Weichert das nennt. Denn Steinbrück – und das ist der springende Punkt – will nicht strategisch reden. Er will so reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Er hält das für seine vielleicht größte Stärke.

Freie Rede ist zur Schwäche geworden

Als die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ihn zum Kanzlergehalt befragte, hätte er abwiegeln können und die Gehälter von Krankenschwestern, Erzieherinnen oder Putzfrauen zum eigentlichen Problem und Thema erklären können. Die Aufregung wäre ihm erspart geblieben.

Doch Steinbrück sagte, was er dachte. Als einfacher Abgeordneter und ungebundener Welterklärer haben ihn die Medien dafür gefeiert und ihm gern Raum geboten. Nun aber ist seine freie Rede längst zu seiner Schwäche geworden.

"Ab einer gewissen Flughöhe kann ein Politiker nicht einfach so reden, wie ihm die Schnauze gewachsen ist", sagt Weichert. Steinbrück ist jetzt kein Freigeist mehr, er ist erster Repräsentant der SPD. Was er sagt, wird nun daran gemessen, wie sehr es mit dem Bild und dem Programm der deutschen Sozialdemokratie übereinstimmt. Deshalb war die Sache mit dem Kanzlergehalt tatsächlich bemerkenswert, deshalb haben die Medien diese Abweichung von dem, was einem Sozialdemokraten eigentlich wichtig sein sollte, zu Recht thematisiert.

Ist Weißwein über fünf Euro unsozialdemokratisch?

Wenn Steinbrück beweisen wollte, dass Politiker nicht "weichgespülte" Funktionärs- und Repräsentantensprache reden müssen, sondern sehr wohl kantig, widersprüchlich und persönlich unverkennbar, ja menschlich bleiben können, wenn er an sich selbst zeigen wollte, dass man keine geschickte Kommunikationsstrategie braucht, sondern nur einen klugen Kopf und rhetorisches Talent – dann ist Peer Steinbrück gescheitert.

Und sein Anhänger Kahrs? Schadet er seinem Kandidaten nun nicht auch noch, indem er der Debatte um seine Verfehlungen durch das wütende Papier neue Nahrung liefert? "Kann schon sein", sagt der Abgeordnete trotzig, aber das sei ihm gerade herzlich egal. Auch er will jetzt nicht strategisch klug kommunizieren, sich nur nach den Gesetzen der Medien richten. "Es kann doch nicht sein, dass wir auch die lächerlichsten Dinge schlucken sollen, ohne uns wehren zu dürfen", sagt er.

Kahrs hofft jetzt darauf, dass die Medien es so weit übertreiben, dass sie Steinbrück nicht mehr wirklich schaden können. So wie vor einigen Wochen, als man tatsächlich darüber diskutierte, ob es nun verwerflich oder unsozialdemokratisch sei, dass der Kandidat keinen Weißwein unter fünf Euro kauft. "Noch zwei bis drei solcher absurder Peinlichkeiten, dann kippt das, und wir könnten am Ende sogar profitieren."