Staatlich bezahlte Verräter aus der rechtsextremen Szene sind wichtig. Das betonen Sicherheitsexperten in diesen Tagen gern. Sie sind unter Rechtfertigungsdruck, denn das V-Mann-System steht in der Kritik: Trotz regelmäßiger Geldflüsse an gesprächswillige Rechtsextreme blieben drei abgetauchte Nazis aus Thüringen jahrelang unentdeckt: Sie waren die späteren mutmaßlichen Mörder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).

Die parlamentarischen Untersuchungsgremien versuchen derzeit alles, um das Versagen der Sicherheitsbehörden aufzuklären. Eines bleibt dennoch nach wie vor schleierhaft: wie genau das System der V-Leute funktioniert. Es ist ja auch geheim. Die Verfassungsschützer geben ihren Informanten Tarnnamen, um deren Identität zu schützen. Oft wussten die Geheimdienstler in der Vergangenheit nicht einmal, welcher Kollege und welche Behörde welchen Rechtsextremen genau als Spitzel angeworben hat. So versickerten bei der Fahndung nach Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe mit den Jahren wichtige Informationen, die zu deren frühzeitiger Ergreifung hätten führen können.

Warum dies so war, versuchen die Mitglieder des NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages herauszufinden. Am Donnerstag wurden dazu zwei Verfassungsschützer befragt, die in den neunziger Jahren den Thüringer NPD-Kader Tino Brandt als Spitzel geführt hatten. Brandt war eine wichtige Führungsfigur der rechtsextremen Szene, und er kannte Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe, die ebenfalls aus Thüringen stammten.

Dicker Bauch auf Staatskosten?

Als die drei 1998 abtauchten, wurde der Landesverfassungsschutz darauf angesetzt, sie zu finden. Doch in Thüringen hatten die Geheimdienstler damals nur eine mehr oder minder zuverlässige Verräter-Quelle: Tino Brandt. Über den Rechtsextremen sagte der inzwischen pensionierte Verfassungsschützer Norbert Wiesner vor dem Ausschuss aus. Von 1998 bis 2001 habe er jedes Wochenende einmal mit Brandt telefoniert und sich einmal in der Woche mit ihm in einem Lokal in Coburg getroffen. In Brandts Mittagspause seien die beiden auf Staatskosten Essen gegangen. Sie hätten eine halbe bis dreiviertel Stunde über die rechtsextreme Szene im Allgemeinen geplaudert. Hinweise auf den Verbleib des Trios habe er nicht bekommen, sagt Wießner. Brandt habe ihn nur darüber informiert, dass Zschäpe der Ruf nacheile, "die Matratze der Szene" zu sein.

Der Rechtsextremist soll nach seiner Enttarnung 2001 in der Szene gewitzelt haben, dass er seinen dicken Bauch dem regelmäßigen Schmaus mit dem Geheimdienstler verdanke. Sowieso brüstete sich Brandt damit, die Verfassungsschützer an der Nase herumgeführt zu haben. Das Geld, das er für die Informationen erhalten habe, habe er "propagandistisch" eingesetzt, sagte er 2007 einem Genossen.

Ex-V-Mann-Führer Wießner und sein damaliger Kollege Reiner Bode, der ihn zeitweise vertrat, bestätigten im Ausschuss, dass an den Spitzel insgesamt rund 200.000 DM bezahlt worden seien. Sie wüssten aber nicht, wofür das Geld verwandt worden sei. An den Wahrheitsgehalt von Brandts Prahlereien wollen sie bis heute nicht glauben: Dieser habe sich nach seiner Enttarnung bei den Kameraden rechtfertigen müssen und deshalb Lügengeschichten erfunden.