ZEIT ONLINE: Herr Vogel, die FDP setzt sich für Lohnuntergrenzen ein und will Manager-Gehälter begrenzen. Was ist denn da los? Rückt Ihre Partei nach links?

Johannes Vogel: Die FDP steht für die Entfaltungsfreiheit des Einzelnen. Deswegen stellen wir uns am Arbeitsmarkt immer die Frage: Wie können wir bessere Aufstiegs-, aber auch Einstiegschancen schaffen und wie können wir möglichen Ungerechtigkeiten begegnen.

ZEIT ONLINE: Das sind doch ganz neue Töne von einer Partei, die 2009 einen Klientel-Wahlkampf für den Mittelstand machte, und die damals noch niedrigere Steuern und mehr unternehmerische Freiheit forderte.

Vogel: Ich habe kein Problem damit, für die Mitte unserer Gesellschaft einzutreten. Faire Aufstiegsmöglichkeiten, also die soziale Dimension von Freiheit, das hat aber schon immer zum Grundverständnis des Liberalismus gehört. Auch in der Regierungskoalition haben wir entsprechend dieser Maxime gehandelt: Als Liberale gestalten wir den Arbeitsmarkt so flexibel wie möglich. Missbrauch aber schieben wir den Riegel vor, so haben wir dies zum Beispiel in der Zeitarbeit getan. Sollte das noch nicht deutlich genug geworden sein, müssen wir das besser erklären und kommunizieren.

ZEIT ONLINE: Hat diese neue Intonation mit dem beginnenden Bundestagswahlkampf zu tun? Wollen Sie das Image der Partei der "sozialen Kälte" loswerden?

Vogel: Es ist keine inhaltliche Kurskorrektur. Aber ich persönlich finde es gut, wenn wir im Wahlkampf offensiv einen ganzheitlichen Liberalismus vertreten: Bürgerrechte, soziale Aufstiegschancen und wirtschaftliche Freiheit gehören zusammen.

ZEIT ONLINE: Noch im Mai 2012 sagte Parteichef Rösler: "Mit dem Mindestlohn rückt die Union weiter nach links. Der Platz in der Mitte ist frei geworden. Da steht nur noch die FDP." Sein Generalsekretär Patrick Döring sprach von der "Wachstumsbremse Mindestlohn". Jetzt soll plötzlich eine Einigung mit der Union möglich sein. 

Vogel: Die FDP will keinen einheitlichen, politisch festgelegten Mindestlohn. Wir wollen faire Löhne, die Branche für Branche von den Tarifpartnern ausgehandelt werden. Falls nötig, zählen dazu auch branchendifferenzierte Lohnuntergrenzen. Aber wir bestehen darauf, dass das immer im Einklang mit der Tarifautonomie geschieht. Wir haben in dieser Legislaturperiode bereits für insgesamt über zwei Millionen Beschäftigte die Tarifverträge für allgemeinverbindlich erklärt und damit Lohnuntergrenzen in diesen Bereichen neu eingeführt. Denken Sie beispielsweise an die Pflegebranche oder die Zeitarbeit. Diesen Weg sollten wir weitergehen. Es gibt die notwendigen Gesetze zur Lohnfindung bereits, hier sollten wir Anpassungen prüfen.

ZEIT ONLINE: Regional- und branchendifferenzierte Lohnuntergrenzen, von den Tarifpartnern in einer Kommission festgelegt – das ist genau die Position der Union. Warum erkennen Sie das erst jetzt an?

Vogel: Da irren Sie sich. Das konkrete Modell, das die Union vorgelegt hat, führt am Ende doch zu einem einheitlichen Mindestlohn von Aachen bis Cottbus. Wir wollen keine Zentralkommission, die eine pauschale Lohnhöhe festsetzt. Das kostet Arbeitsplätze. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir uns mit dem Koalitionspartner einigen können.