Jetzt hat die CDU auch noch Wiesbaden verloren. Ausgerechnet die edle und wohlhabende Stadt am Rhein, Sitz des hessischen Landtags, wo die Christdemokraten seit 16 Jahren das Stadtoberhaupt stellten. Neuer Oberbürgermeister ist SPD-Mann Sven Gerich, 38 Jahre jung und ein eher unkonventioneller Typ. Der Boulevardpresse gibt er Interviews mit seinem Ehemann Helge und dem gemeinsamen Hund Bobby. Die Sozialdemokraten hätten über das Internet mobilisiert und eine wahnsinnig erfolgreiche Kampagne gegen die "etablierte CDU" gefahren, sagt CDU-Kreisgeschäftsführer Ulrich Weinerth: "Irgendwie waren unsere Wahlkampf-Themen Wirtschaftsförderung und Haushaltssanierung nicht interessant genug." 

Doch es ist nicht nur Wiesbaden. Die CDU, das gibt die Partei offen zu, hat ein Großstadtproblem. Dort, wo mehr als 100.000 Menschen wohnen, kommt sie bei den Wählern generell nicht gut an, wie die ZEIT ONLINE Grafik zeigt.  Die meisten deutschen Großstädte werden von der SPD regiert, derzeit sind es 47 von 80.

Seit der Bundestagswahl 2009 konnte die CDU keine einzige der 27 Wahlen gewinnen, aus der ein Großstadt-Oberhaupt hervorging. Sie verlor neben Wiesbaden unter anderem Hamburg, Wolfsburg, Frankfurt, Duisburg und Karlsruhe. Alles Städte, die lange Jahre fest in CDU-Hand waren und nun einen sozialdemokratischen Bürgermeister haben. Die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart fiel gar an die Grünen. 

Dagegen konnte die SPD 15-Mal ihren kommunalen Regierungssessel verteidigen und sechs neue Großstädte hinzugewinnen. Heute werden zwölf Landeshauptstädte von den Sozialdemokraten regiert, die CDU stellt nur noch in Düsseldorf und Dresden das Rathaus-Oberhaupt. In Stuttgart regieren die Grünen, in Schwerin die Linkspartei. Das letzte Mal, dass die CDU der SPD eine Großstadt abringen konnte, war 2009 in Leverkusen, Hagen und Mönchengladbach. (Siehe Grafik auf Seite 2) Das war, bevor Schwarz-Gelb im Bund an die Macht kam. 

Jeder dritte Deutsche ist Großstädter

Der Einfluss der Bundespolitik auf kommunale Wahlen ist umstritten. Vor Ort zählt oft das Image der Kandidaten mehr als mögliche Patzer der Kanzlerin oder ihres Herausforderers. Doch sind Wahlentscheidungen immer ein Mix aus tief verankerten Einstellungen der Bürger und aktuellen politischen Entwicklungen. Obwohl die Diskussion um die Gleichstellung der Homo-Ehe im Wiesbadener Wahlkampf nicht öffentlich thematisiert wurde, hält es der Politikwissenschaftler Jürgen Falter von der nahen Universität Mainz durchaus für möglich, dass sie gerade Grünen-affine Wähler  dazu veranlasste, ihre Stimme dem SPD-Kandidaten zu geben, nachdem ihr Kandidat im ersten Wahlgang ausgeschieden war.

Unabhängig von aktuellen politischen Themen überlegt die CDU schon länger, wie sie junge Konservative in den Städten erreichen kann. Das Wählerpotenzial ist durchaus beachtlich: Rund jeder dritte Deutsche lebt in einer Stadt mit mehr als 100.000 Einwohnern. Schon 2004 präsentierte der damalige CDU-Vorsitzende von Nordrhein-Westfalen Jürgen Rüttgers ein "Großstadt-Konzept" für seine Partei. Darin warnte er vor einer zunehmenden Bedeutung der Grünen für bürgerliche Wähler in den Schichten und riet der CDU zu einer weltoffeneren Einstellung, auch was Homosexualität betrifft.

Das urbane Vorbild: die Grünen

Passiert ist seither wenig, auch wenn der amtierende Generalsekretär Hermann Gröhe in den vergangenen Monaten mehrfach Initiativen für eine verbesserte christdemokratische Großstadtpolitik versprochen hat.

Ideen gibt es freilich. Ende 2012 stellten mehrere CDU-Bundestagsabgeordnete ein Diskussionspapier vor.  Man habe "den Anschluss an gemeinwohlorientierte Interessengruppen wie Communitys in der Jugendhilfe, dem Umwelt- oder Sozialbereich weitgehend verloren", heißt es in einer vom Frankfurter CDU-Bundestagsabgeordneten Matthias Zimmer initiierten Analyse. In Großstädten werde die CDU zu häufig "exklusiv mit den Themenfeldern Sicherheit und Ordnung und einer konservativen Grundausrichtung verbunden". Auf andere Stadt-Phänomene wie Individualisierung, Fluktuation und kulturelle Vielfalt gebe die CDU vielerorts aber keine Antwort.

"Lifestyle-Partei der bürgerlichen Mitte"

"Wir sind sicher noch zu uncool für einen Teil der potenziellen Wähler in den Großstädten", fasst Matthias Zimmer die Problematik im Gespräch mit ZEIT ONLINE  zusammen. In seinem Papier ist von einer "größeren Offenheit für die zentralen Anliegen der Grünen" die Rede. Die CDU müsse der "Lifestyle-Partei der bürgerlichen Mitte" Konkurrenz machen. Zimmermann wünscht sich, dass die Ortsvereine auch "weiche Themen" wie Kultur, Bildung und Freizeit besetzen. Bürger müssten in politischen Arbeitskreisen mitwirken können, ohne Parteimitglied zu sein. Gerade im urbanen Raum würden sich die Menschen bekanntlich weniger in Kirchen und Parteien engagieren.

Themen wie der Umgang mit Drogen, die bessere Integration von Bürgern mit Migrationshintergrund oder die eingetragene Lebensgemeinschaft gehörten bislang zwar nicht ins konservative Spektrum, sagt Zimmer. Doch gerade mit diesen Kernfragen könnte seine Partei zukünftig wieder an Attraktivität in den Großstädten gewinnen.


 

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