Andere sind da viel weiter. Die Grünen haben schon 1994 mit Cem Özdemir den ersten türkischstämmigen Politiker in den Bundestag geschickt.

Nicht nur beim Spitzenpersonal, auch bei den Themen ist die Lücke noch groß. Es sind  SPD, Linke, Grüne und FDP, die beispielsweise das kommunale Wahlrecht für Ausländer befürworten. Die CDU/CSU ist dagegen.

Auch Ertan Taskiran, Vorsitzender des Deutsch-Türkischen Forums der CDU in Berlin und seit 1994 Mitglied der Partei, sagt, das Vertrauensdefizit gegenüber den etablierten Parteien sei bei Migranten noch groß. "Viele sind frustriert, wenn Themen wie der EU-Beitritt der Türkei oder die doppelte Staatsbürgerschaft von vornherein strikt abgelehnt werden."

Einheitliche Stoßrichtung fehlt

Außerdem sei für viele der 4,3 Millionen Muslime in Deutschland die Religion ein wichtiges Thema, sagt Taskiran. Doch als unlängst der Zentralrat der Muslime forderte, zwei gesetzliche muslimische Feiertage in Deutschland einzuführen, lehnte die Union dies ab. Taskiran jedoch ist überzeugt: "Irgendwann werden die Feiertage eingeführt." Jetzt sei es aber noch zu früh.

Auch die Migranten in der Partei selbst sind sich nicht immer einig, wie das Thema religiöse Feiertage zeigt. Anders als Taskiran sagt Serap Güler, Abgeordnete im Landtag von Nordrhein-Westfalen und seit Kurzem im Partei-Vorstand: "Hier weitere Zeichen zu setzen ist nicht nötig, jüdische Feiertage sind schließlich auch nicht in der Diskussion." Dass der Partei bei solchen Fragen eine einheitliche Stoßrichtung fehlt, könnte ein Stolperstein im Kampf um Zuwanderer-Stimmen werden.

Dabei habe sich schon einiges verbessert, lobt Unionsmitglied Taskiran. Vor allem im Vergleich zur Unterschriftenkampagne des damaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU), der 1999 gegen die doppelte Staatsbürgerschaft Stimmung gemacht hatte. "Projekte wie der Integrationsgipfel und die Islamkonferenz sind wichtige Signale und haben den Zuspruch zur CDU unter der türkischstämmigen Bevölkerung enorm gestärkt."

"Brauchen keine zusätzliche Zuwanderung"

Darauf will Kanzlerin Merkel nun aufbauen. Kürzlich diskutierte sie erstmals mit Internetnutzern in einem Google Hangout. Thema: Integration. Und vor Beginn des NSU-Prozesses mahnte sie an, Offenheit gegenüber Zuwanderern sei schon wegen des demografischen Wandels in Deutschland erforderlich: "Wir werden weniger, wir werden älter und die Bevölkerungsstruktur wird vielfältiger werden."  

Manche Unions-Vertreter vermitteln jedoch noch immer ein anderes Bild. 2010 etwa hatte CSU-Chef Horst Seehofer gesagt, Zuwanderer aus Kulturkreisen wie der Türkei und arabischen Ländern seien schwerer integrierbar und folglich konstatiert, "dass wir keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen brauchen". Der integrationspolitische Sprecher der CDU-Fraktion Bernhard Lasotta befand vergangenes Jahr, von Flüchtlingen sei "mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten, dass sie Straftaten begehen".  

Den Spagat zwischen den alten Werten der CDU und der Annäherung an die Wünsche der Deutschen mit ausländischen Wurzeln zu schaffen, ist für die Konservativen offenbar noch immer ein Problem. Das werden die neuen Vorzeige-Migranten im Bundestag und Vorstand allein kaum lösen können.