Grünen-Politiker Winfried Kretschmann distanziert sich vom Wahlprogramm seiner Partei. Er warnte die Grünen davor, Wirtschaft und Bürger mit höheren Steuern und Abgaben zu überfordern. "Eine zu hohe Gesamtbelastung halte ich für problematisch", sagte er der Süddeutschen Zeitung unmittelbar vor Beginn des Bundesparteitags. "Ich glaube nicht, dass man in einer Legislaturperiode mehr als zwei Steuern erhöhen kann." 

Der Entwurf für das Wahlprogramm , über den auf dem Bundesdelegiertentreffen beraten werden soll, beinhaltet einige neue Belastungen für Besserverdienende und Vermögende. Neben der Erhöhung des Spitzensteuersatzes wollen die Grünen zeitlich befristet eine Vermögensabgabe zur Tilgung von Bundesschulden erheben. Außerdem plädiert die Partei – allerdings erst auf längere Sicht und nicht bereits in der nächsten Legislaturperiode– unter anderem für eine Vermögenssteuer und eine höhere Erbschaftssteuer. Kretschmann versicherte jedoch, die Partei werde "nichts tun, was unserem Mittelstand schadet".

Seine Partei reagierte ungehalten auf die Kritik am Wahlprogramm. Sven Kindler, der für die Grünen im Haushaltsaus-Ausschuss des Bundestages sitzt, schrieb auf Twitter, Kretschmanns Aussagen stimmten inhaltlich nicht. Sven Lehmann, Grünen-Vorsitzender in Nordrhein-Westfalen , warf Kretschmann auf Twitter Wahlkampfschädigung vor. 

Laut einer Umfrage des ZDF-Politbarometers befürwortet eine Mehrheit der Deutschen die  Steuerpläne der Grünen. 72 Prozent begrüßen demnach die geplante grüne Vermögensabgabe, mit der Bundesschulden abgebaut werden sollen. Etwas knapper fällt die Zustimmung bei den Plänen der Partei zur Einkommenssteuer aus: 52 Prozent der Bürger sind für die geforderte Erhöhung der Einkommensteuer ab 60.000 Euro Jahreseinkommen und einen Spitzensteuersatz von 49 Prozent ab 80.000 Euro. 43 Prozent halten die Pläne allerdings für falsch.

Zusätzlich zu seinen Aussagen zum Wahlprogramm, riet Kretschmann seiner Partei davon ab, sich jetzt schon auf eine mögliche Koalition mit der SPD festzulegen. Zwar liege die Präferenz "klar bei Rot-Grün", sagte er. Doch seien die Grünen "von der Union auch nicht so meilenweit weg , dass wir mit ihr, sollte es für Rot-Grün nicht reichen, nicht mal Sondierungsgespräche führen könnten".

Auch eine Mehrheit der Deutschen ist laut Politbarometer der Ansicht, dass sich die Grünen die Option zu Gesprächen mit der Union offen lassen sollen. 64 Prozent der Befragten sowie 69 Prozent der Grünen-Anhänger gaben dies an.

Ganz anders die Parteiführung, die einer Koalition mit der Union auf Bundesebene erneut eine klare Absage erteilte. "Ich bin überzeugt, dass es für Rot-Grün reichen kann. Mit der SPD gibt es die größten Schnittmengen", sagte der Bundesvorsitzende Cem Özdemir der Passauer Neuen Presse . "Wir glauben an unseren Sieg und diskutieren keine Alternativen."

Auch die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt schloss ein Bündnis mit der Union nach der Bundestagswahl aus. "Es geht da nicht um mich oder Ideologie, sondern um inhaltliche Grundlagen. Und die sehe ich mit der Union nicht", sagte sie Spiegel Online . "Über unser Wahlprogramm würde man mit der Union zu 80 Prozent nicht mal reden können." Der Entwurf für das Wahlprogramm sieht ein klares Bekenntnis für ein Bündnis mit der SPD vor.

Steinmeier beschwört rot-grünen Schulterschluss

Unterstützung bekamen die Grünen aus der SPD. Der Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier rief den potenziellen Koalitionspartner zu einem engen Schulterschluss im Wahlkampf auf. "Rot-Grün ist die bessere Regierung für Deutschland", sagte Steinmeier der Rheinischen Post . "Wir haben schon einmal gezeigt, dass wir zusammen gut regieren können. Und wir werden es wieder tun."

Der Parteitag dauert bis Sonntag, auf dem Treffen soll das Wahlprogramm verabschiedet werden. Im Kern wollen sich die Grünen ein ökologisch-soziales Programm mit teils recht detaillierten Kapiteln zu allen Bereichen der Politik geben. Dabei setzen sie ausdrücklich auf die SPD als einzigen Koalitionspartner. Ausgeschlossen werden sollen andere Varianten aber nicht ausdrücklich. Am Samstag will SPD-Chef Sigmar Gabriel als Gastredner auf dem Parteitag sprechen.