Die deutschen Gewerkschaften haben bei ihren Kundgebungen zum 1. Mai eine Abkehr vom Sparkurs in Europa gefordert. Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer sagte auf der Hauptkundgebung in München: "Es gibt eine Alternative zum Spardiktat à la Merkel." Deutschland sei 2008 bis 2010 mit Konjunkturprogrammen, der Rettung von Betrieben und dem Schutz vor Arbeitslosigkeit erfolgreich durch die Krise gekommen. Die Kanzlerin versuche, "Europa derzeit das genaue Gegenteil aufzuzwingen".

Der Rückzug des Staates aus vielen Bereichen habe "nicht nur gute Arbeit zerstört, sondern auch die Grundlagen eines sozial verantwortlichen Wirtschaftens", sagte Sommer. Auch in Deutschland sei in den vergangenen Jahren nicht mehr Arbeit entstanden. "Gestiegen sind vielmehr: Leiharbeit, Armutslöhne, prekäre Beschäftigung, die vom Staat noch mit Hartz IV subventioniert wird."

Die Steueraffäre von Uli Hoeneß war eine Steilvorlage für die Gewerkschafter: Sommer nannte Steuerflucht einen "Reichensport", mit dem endlich Schluss sein müsse. Auch Fußballstars und Manager müssten "einen Teil ihres Salärs an den Fiskus abliefern". Es könne nicht sein, "dass unser Gemeinwesen fast ausschließlich von den Lohnsteuerzahlern und Konsumenten finanziert wird, während sich die Reichen und Schönen einen schlanken Fuß machen". Das Grundgesetz sage deutlich, dass Eigentum verpflichte: "Das wird nicht mehr ernst genommen von den Reichen und Mächtigen."

Der Chef der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di , Manfred Bsirske, forderte in Ludwigshafen den Wegfall der strafbefreienden Selbstanzeige bei Steuerhinterziehung .

"Sichere Renten, soziales Europa"

Zum 1. Mai hatten die Gewerkschaften unter dem Motto "Gute Arbeit. Sichere Renten. Soziales Europa" zu 439 Kundgebungen aufgerufen. Im Mittelpunkt standen die Forderungen nach einem gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro, nach gleicher Bezahlung von Leiharbeitern und Stammbelegschaften sowie einer Vermögensbesteuerung.

Der DGB sprach von 425.000 Teilnehmern bundesweit. Diese Zahl sende in das Wahljahr 2013 ein deutliches Signal, dass an den Anliegen der Arbeitnehmer keiner vorbeikomme, sagte Sommer.

Der Vorsitzende der größten Einzelgewerkschaft IG Metall, Berthold Huber, forderte in Stuttgart ein Aufbauprogramm für Europa: "Wir brauchen ein Investitionsprogramm für Europa, um die öffentliche Infrastruktur zu erhalten und zu modernisieren und Investitionen in Arbeit, Umwelt, Gesundheit und Bildung zu ermöglichen." In Richtung der europäischen Regierungen und der EU-Kommission rief er: "Packt die neoliberale Abrissbirne ein."

Der Vorsitzende der IG Bauen-Agrar-Umwelt, Klaus Wiesehügel, sagte in Solingen: "Die angebliche Euro-Rettung durch Kaputtsparen und massive Kürzungen von Renten und Sozialleistungen ist ein Irrweg."

Demonstrationen auch in Athen, Madrid und Paris

Anlässlich des Tags der Arbeit haben auch  in Griechenland, Spanien und Frankreich Tausende Menschen gegen die Sparmaßnahmen ihrer Regierungen und für mehr Arbeitsplätze demonstriert. In Athen und Thessaloniki gingen nach Polizeiangaben insgesamt rund 13.000 Menschen auf die Straße. Wegen des traditionell am 1. Mai stattfindenden Streiks der griechischen Seeleute blieben die Fähren im Hafen.

In Madrid zogen ebenfalls Tausende Demonstranten durch die Straßen. "6.200.000 Arbeitslose, nein zur Sparpolitik" und "Mehr Demokratie, weniger Sparpolitik", hieß es auf Spruchbändern. In Frankreich folgten Tausende Menschen dem Aufruf der Gewerkschaften zu Demonstrationen in Lyon , Marseille und Toulouse . In Paris versammelte die rechtsextreme Partei Front National Tausende Menschen zu einem Protestzug gegen den sozialistischen Präsidenten François Hollande und die sich verschärfende Wirtschaftskrise im Land. Frankreich hatte im März eine Rekordarbeitslosenzahl von mehr als 3,2 Millionen verzeichnet.