Meine Generation hat keine Lobby – Seite 1

Meine Generation, so scheint es auf den ersten Blick, ist mit Glück gesegnet. Wir wachsen in Frieden auf, in einem der reichsten Länder der Welt. Doch in Wahrheit steht es schlecht um uns. Das verraten schon die Embleme, die man mir und meinen Altersgenossen aufklebt: Generation Praktikum. Generation Burnout. Generation Politikverdrossenheit. Generation Altersarmut. Das klingt nicht nach Glückskindern, das klingt nach Zukunftsangst. Leider stimmt es bei vielen.

Als wir zur Schule gingen, sagten uns die Lehrer, uns stünde die Welt offen. An der Universität rechneten uns dann unsere Professoren, die noch umsonst studiert und promoviert hatten, die Vorzüge von Bildungsgebühren vor. Wir nahmen Kredite auf. Wir gingen auf die Jagd nach Bildungsscheinchen. Soft Skills probten wir im Ehrenamt. Und dann noch Auslandssemester und Sprachkurse, Zusatzqualifikationen. Der Arbeitsmarkt sieht das gerne. Die Psyche weniger. Die Wartezeiten bei psychologischen Beratungsdiensten wurden länger und länger. Haben wir unseren Abschluss, wetteifern wir in der globalisierten, deregulierten Wirtschaft um begehrte Arbeitsplätze. 

Wir sind Getriebene. Auf der Realschule sagte man uns: Bei der Sparkasse stellen sie nur noch mit Abitur ein. Bei der Hauptschule hieß es: Beim Handwerk erwarten sie eigentlich Realschulabschluss. Schon im ersten Semester wussten wir, nach dem Bachelor-Studium gibt es nicht genügend Master-Plätze. Eine ständige Entwertung unserer Zukunftschancen ist das, eine Inflation. Dem hecheln wir hinterher.  

Der Ideal-Arbeitnehmer ist ein optimiertes Produkt

Die Zeit gerader Erwerbsbiographien ist nicht nur für meine Generation vorbei. Doch wir spüren das bereits in unserer Ausbildung. Der neue Ideal-Arbeitnehmer ist ein durch und durch optimiertes Produkt, das ständig neue Features braucht, um nicht zu veralten. Das verursacht Stress, Unsicherheit und auch Zukunftsangst.

Unbezahlte Praktika sind in vielen Berufsfeldern längst normal. Unnormal aber ist es, diesen Praktikanten dann im Anschluss einen Arbeitsvertrag zu geben, gar einen unbefristeten. Trotz geringer Arbeitslosigkeit hangeln sich viele gut ausgebildete junge Leute von einem Zeitvertrag und Honorarjob zum nächsten. Statt einer Festanstellung machen viele langfristige Bekanntschaften mit Zeitarbeitsfirmen. Es fehlt schlicht der politische Wille diese Entwicklung zu stoppen. In Italien nennt man meine Generation die 1.000-Euro Generation. In Griechenland heißt sie die 700-Euro Generation.

Wir sind mit menschengemachten Naturkatastrophen aufgewachsen. Als Tschernobyl explodierte, war meine Mutter mit mir schwanger. Alle paar Jahre beobachten wir scheiternde Klimakonferenzen. Echte Resultate erwartet sowieso niemand mehr. Aus Fukushima wird jeden Monat routiniert der radioaktiv verseuchte Wasserstand gemeldet. Was viele nicht begreifen: Das Wort Endlager hat aus der Perspektive eines 20-jährigen Menschen einfach eine andere Bedeutung. Unser ökologisches Erbe, unsere ökologische Last ist Folge der politischen Entscheidungen unserer Eltern. Das ist bitter. 

Die Rede von der unpolitischen Jugend ist absurd

Es gab einen Grundtenor in den vergangenen Jahren, und der hieß: Wir müssen sparen. Dann kam die Finanzkrise und plötzlich wurden Milliardensummen locker gemacht. Geld, das bei der Debatte um einige wenige Millionen Euro für Unis und Kinderbetreuung noch gefehlt hatte. Gleichzeitig werden bekannte Steuerschlupflöcher trotz Sparzwang nicht geschlossen. 

Absurd ist der Vorwurf, die Jugend sei unpolitisch. Millionen junger Menschen sind in Portugal, Griechenland und Spanien wegen ihrer Perspektivlosigkeit auf die Straße gegangen, monatelang. Andere besetzten in New York die Wall Street. Wir haben in Deutschland gegen Kürzungszwang, Bildungsgebühren und Acta protestiert. Politikverdrossen werden wir höchstens, wenn wir sehen, wie erfolglos unser Widerstand ist. 

Das politische Schlüsselerlebnis unserer Jugend waren die Anschläge vom 11.September 2001, mit ihren Folgen sind wir aufgewachsen. Mit Anti-Terror-Listen, Anti-Terror-Dateien, Anti-Terror-Gesetzen. Mit biometrischen Ausweisen, Nacktscannern an Flughäfen, Gesinnungstests an Unis, Fingerabdrücken auf Reisepässen. Mit Vorratsdatenspeicherung, Internetzensur, Staatstrojanern. Grundgesetzlich geschützte Freiheiten werden dann besonders bereitwillig eingeschränkt, wenn sie das Internet betreffen. Für die neuen Generationen ist das Netz nicht irgendein Ort, sondern etwas, das uns in allen Lebenslagen und an jeden Ort begleitet. Die über das Netz verteilten externen Erweiterungen meines Gehirns verraten, wen ich liebe, wen ich wähle und was ich denke. Es ist der neue Kernbereich meiner privaten Lebensgestaltung. Das Internet ist zuerst eine riesige Chance für die Demokratie und keine Gefahr. Doch statt es für mehr Mitbestimmung und Transparenz einzusetzen, höhlt der Gesetzgeber lieber die Unschuldsvermutung aus. Wir Piraten wollen, dass wieder zielgerichtet ermittelt wird, statt ganze Bevölkerungsgruppen zu überwachen.

Die Eltern feiern die Party, die Kinder müssen aufräumen

Politik und Märkte regeln gerade alles Mögliche, nur nicht die Zukunft der nächsten Generation. Ich zahle jeden Monat in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Doch viele Menschen in meinem Alter erwarten keine Rente mehr, sondern Altersarmut. Deutschland hat die zweitälteste Bevölkerung der Welt. Schon jetzt sagt die Statistik: Statt zwischen 50 und 60 Prozent wird meine Rente mit etwas Glück 43 Prozent meines Einkommens betragen. Und dafür werde ich auch mit 67 Jahren noch lange nicht aufhören dürfen zu arbeiten. Der öffentliche Aufschrei bleibt aus. Schließlich ist es noch einige Zeit bis dahin. Private Altersvorsorge ist keine Lösung, sie überfordert viele. Wenn wir nicht bald das notwendige Update für die Sozialsysteme einspielen, wird meiner Generation damit faktisch die Kündigung des Generationenvertrags ausgesprochen. Ich fühle mich manchmal als ob unsere Eltern eine Party gefeiert hätten und wir müssten nun aufräumen und zahlen.

Aber es geht jetzt nicht um Schuld. Sondern darum, wie wir aus diesem Dilemma gemeinsam wieder herauskommen. Denn das Problem, vor dem wir stehen, ist ein politisches. Statt echter Reformen wurde von Wahl zu Wahl an kranken Systemen herumgedoktert. Mich wird das noch zu Lebzeiten einholen. Es macht mich wirklich wütend, dass es derzeit keine dauerhaften, tragfähigen Lösungen gibt. Nicht etwa für die die nächsten vier oder fünf Jahre, sondern für die Zukunft einer ganzen Generation. Weil diejenigen, die die Macht haben, sich bisher darum nicht kümmern wollten.

Der Generationenvertrag baut auf ein Fundament aus Solidarität, und zwar über Alters- und Gesellschaftsschichten hinweg. Wenn dieses Fundament bröckelt, gefährden wir unser aller Zukunft. Und das schlimmste, was man einem Menschen antun kann, ist ihm die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu nehmen. 

Meine Generation will etwas bewegen, aber allein schaffen wir es nicht. Beispiel Rentenpolitik: Statt einem Flickenteppich bei dem Selbstständige, Angestellte und Beamte in getrennte Töpfe einzahlen, kann eine solidarische Rentenversicherung für alle geschaffen werden. Wenn die Beitragsbemessungsgrenze fallen würde, könnten die Lasten gerechter auch auf Großverdiener verteilt werden. Derzeit werden die Lasten des demografischen Wandels abgewälzt auf die Jungen und die Mittelschicht. Im Bundestag herrscht weiterhin Stillstand und Flickwerk. Einer ganzen Generation fehlt die Lobby. Wir Piraten wollen genau diese Lobby sein.

Der Beitrag basiert auf einem Text, der auf Katharina Nocuns Blog erschienen ist.