Kleinwaffen aus Deutschland, beliebt und tödlich

Rüstungshersteller haben eine Vorliebe für beschönigende Begriffe. Bomben heißen in ihrer Welt "Wirkmittel". Zivilisten werden "Weichziele" genannt. Und leichte Mörser, Maschinenpistolen, Maschinen- und Sturmgewehre, Panzerfäuste sowie Granatwerfer werden als Kleinwaffen bezeichnet. Trotz ihres harmlosen Namens haben Kleinwaffen eine verheerende Wirkung. Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan nennt sie die "Massenvernichtungswaffen" des 21. Jahrhunderts. Durch Kleinwaffen sterben jedes Jahr bis zu 500.000 Menschen, schätzt Unicef. Andere Organisationen nennen höhere oder niedrigere Opferzahlen. In vielen Kriegsgebieten in Afrika und Asien gibt es wenig verlässliche Statistiken. Unumstritten ist jedoch, dass Gewehre, Pistolen und andere leichte Kriegswaffen für höhere Verluste unter Zivilisten sorgen als Bomben, Panzer oder Artillerie.

Am Verbreiten von Kleinwaffen hat Deutschland seit den sechziger Jahren einen großen Anteil. In mehr als 80 Länder wurden von verschiedenen Bundesregierungen Ausfuhrgenehmigungen allein für das von Heckler & Koch entwickelte Sturmgewehr G3 erteilt. Mindestens 13 Staaten bauten dieses Gewehr nach – Pakistan, Saudi-Arabien und Iran machen das noch heute. Sie bieten das Sturmgewehr auf Rüstungsmessen zum Kauf an. "Einmal vergebene Lizenzen für den Nachbau deutscher Waffen sind nur schwer zu kontrollieren", stellt Jan Grebe, Rüstungsexperte des Internationalen Konversionszentrum Bonn fest, "das hat die Vergabe von Lizenzen zur Produktion des G-3-Sturmgewehrs gezeigt".

Was das G3 anrichten kann, zeigen drastische Fotos der Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) in Villingen-Schwenningen. Dort kommen auf dem Kongress Zielscheibe Mensch zahlreiche Mediziner, Wissenschaftler und Rüstungsgegner aus der ganzen Welt zusammen. Wenige Kilometer vom Tagungszentrum in Villingen-Schwenningen entfernt, am Rand des Schwarzwaldes, produziert Heckler & Koch in Oberndorf Waffen. In der Region werde wenig über die Waffenproduktion gesprochen, stellt Helmut Lohrer von der IPPNW fest. "Wir wollen das Schweigen brechen."

Der deutsche Gewehrhersteller Heckler & Koch zählt dabei zu den bedeutendsten Kleinwaffenherstellern der Welt, in manchem Kriegsgebiet ist er so bekannt wie Mercedes. Der Rüstungsgegner und Buchautor Jürgen Grässlin nennt Heckler & Koch das tödlichste Unternehmen Deutschlands. Nach seinen Schätzungen sterben 114 Menschen täglich durch Waffen von Heckler & Koch. Belegen lässt sich das kaum, widerlegen ebenso wenig. 

Rekord an Exportgenehmigungen für Kleinwaffen 

Allein für 2012 erteilte die Bundesregierung Ausfuhrgenehmigungen für Kleinwaffen im Wert von 76,15 Millionen Euro, wie Anfang der Woche bekannt wurde. Der Wert liegt doppelt so hoch wie im Vorjahr und deutlich höher als 2010 mit 49,54 Millionen. Noch nie hat eine Bundesregierung mehr Exporte von Gewehren, Pistolen und Co. genehmigt als das schwarz-gelbe Kabinett unter Angela Merkel. Dabei beteuert ihre Regierung im aktuellen Rüstungsexportbericht: "Deutschland verfolgt eine restriktive Exportkontrollpolitik für Kleinwaffen."

Die Kundenliste der deutschen Rüstungsindustrie spricht aber eben eine andere Sprache: Saudi-Arabien gehört zu den wichtigsten Abnehmern. Auch Ägypten unter dem Machthaber Mubarak erhielt Kleinwaffen aus der Bundesrepublik, ebenso Bahrain, wo der Arabische Frühling niedergeschlagen wurde.

Waffenexport soll Wahlkampfthema werden

Die von Heckler & Koch entwickelten Waffen, das Sturmgewehr G3 und die Maschinenpistole MP5, haben sich auf der ganzen Welt verbreitet. Es gibt kaum einen Konflikt, in denen keine Waffen dieses Ursprungs eingesetzt werden. Im Bürgerkrieg in Sudan kämpfen Reitermilizen mit dem G3. Im Libyenkonflikt hatten Rebellen ebenfalls das Sturmgewehr. Und auch in Syrien sollen Kämpfer der Hisbollah das G3 verwenden. "Insbesondere in Entwicklungsländern können Kleinwaffen häufig durch international operierende Waffenvermittler billig illegal beschafft werden", stellt die Bundesregierung fest, "nationale Kontrollmechanismen sind in diesen Staaten zumeist wenig entwickelt."

Der Kenianer Walter Odhiambo von IPPNW zeigt auf dem Kongress Zielscheibe Mensch einige Fotos von Kleinwaffenopfern. "Das G3 von Heckler & Koch ist in Kenia weit verbreitet", sagt der Arzt, der in Nairobi in einem staatlichen Krankenhaus arbeitet. Seine Bilder zeigen Verstümmelung und schwerste Wunden. Polizisten hätten ihm Tatwaffen gezeigt, auch deutsche Sturmgewehre seien darunter gewesen.

Am Samstag wollen Walter Odhiambo und weitere Kongressteilnehmer der Zentrale von Heckler & Koch einen Besuch abstatten. Die Werkstore werden geschlossen bleiben. Davor wird ein Chor auftreten und gegen den Waffenexport ansingen. Dass deswegen kein einziges Gewehr weniger exportiert wird, wissen die Rüstungsgegner. Doch im Rahmen der Kampagne Aufschrei. Stoppt den Waffenhandel soll das Thema Waffenausfuhren in den Bundestagswahlkampf getragen werden.

Heckler & Koch teilte der Lokalpresse mit, dass das Unternehmen das Anliegen der Demonstranten für eine sicherere Welt teile. Eine Einladung an Heckler & Koch, am Kongress teilzunehmen, blieb nach Angaben der IPNNW unbeantwortet.