ZEIT ONLINE: Frau Munimus, jüngere Menschen engagieren sich heute kaum noch in Parteien. Werden die Jungen immer unpolitischer?

Munimus: Die Jungen sind auf jeden Fall noch politisch interessiert – allerdings oft nicht mehr an den etablierten Parteien.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Munimus: Dafür gibt es viele Gründe. Einerseits ist die Zeit individualisierter und schnelllebiger geworden. Dazu passt eine Parteizugehörigkeit – also ein langfristiges politisches Bekenntnis – oft nicht mehr. Außerdem fordert das Engagement in einer Partei Zeit und kontinuierliche Mitarbeit. Junge Eltern zum Beispiel, die heute häufig beide arbeiten gehen, können sich kaum noch Freiräume dafür schaffen. Nicht umsonst sind die meisten Mitglieder in den Ortsverbänden Rentner und Studenten.

ZEIT ONLINE: Wo engagieren sich die Jüngeren, wenn nicht in den Parteien? Auch die sogenannten Wutbürger sind oft Ältere. Bei Stuttgart 21 waren zwei Drittel der Protestierenden älter als 46 Jahre.  

Munimus: Jüngere Leute engagieren sich heute mehr in lokalen Einheiten, die schneller zu sichtbaren Veränderungen führen. Und auch bei den sogenannten Wutbürgern spielt eine wichtige Rolle, wie viel Zeit man überhaupt für den vollen sozialen und politischen Einsatz aufbringen kann.

ZEIT ONLINE: Bei den klassischen Volksparteien SPD und CDU ist inzwischen nahezu die Hälfte der Mitglieder 60 Jahre und älter, nicht einmal zehn Prozent der Mitglieder sind unter 35. Wird es bald nur noch um Rentenpolitik gehen?

Munimus: Sicher nicht. In den Führungsgremien, im Bundestag und in den Landesparlamenten sind die Älteren über 60 nämlich unterrepräsentiert, weil für die meisten ab Mitte 60 Politik als Beruf endet.

ZEIT ONLINE: Warum ist dann die Rentenpolitik, etwa zu den Fragen Zuschussrente für Geringverdiener oder Mütterrente, derzeit so ein großes Thema? 

Munimus: Das passiert – wie vor jeder Bundestagswahl – in Hinblick auf den großen Anteil älterer Wähler. Natürlich rücken die Rentner besonders vor den Wahlen in den Fokus der Parteien und bekommen ihre Wahlgeschenke.

ZEIT ONLINE: Das sollte funktionieren. Immerhin gibt es in Deutschland mehr als 20 Millionen Rentner.

Munimus: Der Anteil an Rentnern wächst, ja. Trotzdem geht das Kalkül, die Menschen mit mehr Rente zu ködern, nicht ganz auf. Die CDU etwa verliert stetig bei der Generation 60 plus, das zeigen die Wahlanalysen.

ZEIT ONLINE: Wieso?

Munimus: Die treuen Anhänger – die Adenauer-Generation – stirbt langsam weg und die Wählerschaft ist nicht nur in jungen Jahren heterogen. Bloß weil jemand älter ist, wählt er nicht automatisch bürgerlich-konservativ. Außerdem sind die Älteren nicht völlig egoistisch, auch nicht beim Thema Rente. Die haben ja auch Kinder und Enkel. Die Empathie für die Jüngeren ist schon da.

ZEIT ONLINE: Wie einflussreich sind Interessenvereinigungen für ältere Parteimitglieder, also die Seniorenunion der CDU und die AG 60 plus von der SPD?

Munimus: Beide haben wenig Macht. Da treffen sich vor allem die Mitglieder über 70 oder 80. Hier überwiegt das Gesellige – das gemeinsame Kaffeetrinken und Ausflüge machen. 

ZEIT ONLINE: Hat die Altersgruppe 60 plus also gar kein ernstzunehmendes parteiinternes Gewicht?

Munimus: Doch, vor allem in den Ortsverbänden dominiert sie. Dadurch scheuen sich die Jüngeren, ihre Interessen zu vertreten und Themen und Veranstaltungsformate zu verändern.