Es gibt Sachen, an die sich Carsten S. ziemlich genau erinnert. Zum Beispiel an die Holzhütte, die an der Haltestelle in Jena stand. Zwei Typen saßen drin, die hatten einen seiner Kumpels als Nazi beschimpft. S. war mit Freunden unterwegs, es war nachts, da stürmten sie los auf die beiden im Häuschen und verprügelten sie.

Er selbst trat auch zu, ein- oder zweimal. Seine Stimme stockt und wird weich, kurz muss er schluchzen. "Schwer verletzt" hätten sie die Opfer, das habe er jedenfalls später in der Zeitung gelesen. 1998 war das. Die Jugendzeit eines Nazis, der unter schwierigen Umständen aufwuchs. Und der nun Rechenschaft über seine Vergangenheit ablegen muss.

Vor Gericht steht S. wegen Beihilfe zum Mord im NSU-Prozess. Er soll dem Trio, Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die Pistole besorgt haben, mit der die Terrorgruppe neun Migranten erschoss. Weil er einer von nur zwei Angeklagten ist, die sich zur Aussage bereit erklärt haben, haben seine Angaben ein hohes Gewicht. Er erzählt von seiner Zeit in der Naziszene von Jena. Als sie wieder mit mehreren abhingen und tranken und dann einer die Idee hatte, eine mobile Dönerbude umzukippen, "eine lustige Aktion, fanden wir damals". Oder wie sie mehrmals Scheiben in einem anderen Dönerlokal einschmissen.

Partout nicht erinnern

Und dann gibt es die Sachen, an die sich Carsten S. nach eigener Angabe partout nicht erinnern kann. Am ersten Tag seiner Vernehmung vor Gericht war er kaum zu bremsen, so viel hatte er zu erzählen. An diesem Mittwoch kommen seine Aussagen nur tröpfchenweise. S. macht lange Pausen, bevor er redet, manchmal schaut er nur ratsuchend zurück zu Richter Götzl oder er starrt ins Leere. Man fragt sich, ob er tief in sich geht und in seiner Erinnerung bohrt oder ob er einfach keine Lust hat, noch mehr von seiner Vergangenheit vor dem Strafsenat offenzulegen.

Warum er die Dönerbude umgeworfen habe, will Götzl wissen. "Das war ein gewisses Feindbild für uns. Wir haben denen eins ausgewischt", antwortet S. zögerlich. Und fügt noch hinzu: "Wenn da eine Bockwurstbude gestanden hätte, hätten wir das wohl nicht gemacht." Götzl fragt weiter: "Wen meinen Sie mit Feind?" S. rührt sich nicht. So etwas wie "die Ausländer" kommt ihm nicht über die Lippen.

In den Polizeiverhören und im Gespräch mit dem psychiatrischen Gutachter Norbert Leygraf hatte S. umfassende Angaben gemacht, die teilweise auch schon in der Presse auftauchten. Doch die Erwartung, mit seiner Hilfe ließen sich en détail die Anfänge des NSU nachzeichnen, stellt sich als überzogen heraus. Einerseits, weil S. seinen Aussagen zufolge nur wenige Informationen von Ralf Wohlleben erhielt, der ihn damals zum Kontaktmann zum untergetauchten Trio gemacht hatte. Andererseits, weil er sich immer wieder auf Erinnerungslücken beruft. Das ist sein gutes Recht: Er wolle nichts so hinbiegen, dass es einen Sinn ergibt, wo er selbst keinen erkennen kann, sagt er.