ZEIT ONLINE: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat rund hundert Tage vor der Wahl seinen Pressesprecher gewechselt. War der Rauswurf Michael Donnermeyers ein Befreiungsschlag oder eine Verzweiflungstat?

Frank Stauss: Von beidem etwas. Es war ein zu lauter Rausschmiss. So etwas kann man eleganter lösen, zum Beispiel, indem man ihm einen zweiten Sprecher an die Seite stellt und ihn so aus der Schusslinie nimmt. Der hohe Geräuschpegel hat die Aufmerksamkeit wieder auf die ganzen Pannen im SPD-Wahlkampf gelenkt, die nur zum geringsten Teil von Herrn Donnermeyer zu verantworten waren. Insofern war der Tag der Präsentation der letzten Mitglieder von Peer Steinbrücks Kompetenzteam wieder kein guter Tag für die SPD.

ZEIT ONLINE: Der gefeuerte Sprecher trägt also keine Schuld an der schlecht laufenden Kampagne?

Stauss: Nein, er ist ja nicht der Kampagnenleiter. Das Problem dieses SPD-Wahlkampfs ist, dass niemand weiß, wer eigentlich den Hut aufhat. Ist es der Parteivorsitzende, die Generalsekretärin oder der Kanzlerkandidat? Diese Frage wurde offensichtlich ganz am Anfang des Wahlkampfs nicht geklärt. Als Franz Müntefering Generalsekretär war, hat die Frage nach der Zuständigkeit niemand gestellt.

ZEIT ONLINE: Welchen Sinn hatte dann der Rauswurf Donnermeyers?

Stauss: Es soll wohl der Versuch sein, gut drei Monate vor der Wahl eine Neuaufstellung zu signalisieren. Im Moment wäre es vor allem wichtig, den eigenen Leuten zu signalisieren: Wir stehen zusammen, bügeln Fehler untereinander aus, sind stark und gehen jetzt in die Offensive. Diese Art von Motivation braucht das Team gerade. Ein spektakulärer Rauswurf ohne Anlass bringt dagegen Unruhe und Angst. Das ist das Letzte, was die SPD-Kampagne zurzeit gebrauchen kann. Ich habe das Gefühl, dass alle, die eigentlich Verantwortung tragen sollten, diese gerade beim schwächsten Glied der Kette abgeladen: nämlich bei Herrn Donnermeyer.

ZEIT ONLINE: SPD-Generalsekretärin Andere Nahles hatte bereits im März Steinbrücks Team einige Kompetenzen entzogen.

Stauss: Wenn ich schon das Wort entzogen höre: Was ist das für ein Umgang miteinander? Was ist das eigentlich für ein Begriff von Solidarität? Diese Leute sind doch keine Eindringlinge, sondern Team-Mitglieder, die alle das gleiche Ziel haben. Frau Nahles, Herr Steinbrück und Herr Gabriel müssen sich zusammensetzen und die Zuständigkeiten eindeutig klären. Der Gegner sitzt im Kanzleramt, nicht im Willy-Brandt-Haus. Draußen im Land warten Hunderttausende Anhänger darauf, dass diese Kampagne endlich aus dem Quark kommt. Es geht schließlich nicht um Eitelkeiten, sondern um Deutschland, die SPD, Regierungsverantwortung, gesellschaftliche Veränderungen, Hoffnungen und das soziale Gleichgewicht in unserem Land. Die sollen sich endlich zusammenreißen! Da wird man ja beim Zuschauen verrückt.

ZEIT ONLINE: Steinbrücks neuer Sprecher Rolf Kleine hat bis zuletzt die Hauptstadtvertretung einer großen Immobilienfirma aufgebaut und muss nun die Mietpreisbremse der SPD vertreten. Hat Kleine ein Glaubwürdigkeitsproblem?

Stauss: Nein, da sehe ich kein Problem. Im Moment wird jedem Politiker ein Vorwurf daraus gemacht, wenn er in der Wirtschaft tätig war. Das geht zu weit. Herr Kleine ist ein erfahrener und gut vernetzter Journalist. Sein Problem ist, dass er in die gleiche Situation wie sein Vorgänger kommt. Nämlich in eine Situation nicht geklärter Zuständigkeiten.