Warum tut der Mann sich das an? Zwanzig Jahre lang ist Christian Ude nun schon Oberbürgermeister von München. Er wurde dreimal wiedergewählt, mit sehr guten Ergebnissen. Den Oktoberfest-Anstich schafft er jedes Jahr mit zwei Schlägen, weniger sind auch nicht möglich. Ude ist vielleicht der populärste und beliebteste Rathauschef, den München je hatte. Seine politische Bilanz fast makellos.

Zur Kommunalwahl im nächsten Jahr darf der 65-Jährige laut bayerischer Gemeindeordnung nicht mehr antreten. Dann wäre es eigentlich Zeit für den verdienten Ruhestand. Ude, der gelernte Journalist, Volljurist und begabte Hobbykabarettist könnte noch ein paar Bücher schreiben und sich noch öfter in sein geliebtes Ferienhaus auf Mykonos zurückziehen. Doch weil er die für einen SPD-Politiker beinahe wahnwitzige Idee hat, im CSU-dominierten Bayern Ministerpräsident zu werden, ist dieses Jahr Chiemgau statt Kykladen angesagt. Ude findet sich daher nun auf Wahlkampf-Sommertour im eigenen Land wieder. In acht Wochen wird in Bayern gewählt. 

Es sieht schlecht aus für die SPD, aber Ude dreht jetzt erst voll auf. Er hat sich Urlaub genommen, tingelt durch die Provinz. An diesem Sommerabend spricht er in Hart, einem Ortsteil von Chieming am Chiemsee, der lediglich aus ein paar wenigen Straßen besteht. Tiefschwarzes Bilderbuchbayern ist das hier. Ganze sieben Genossen gibt es im ganzen Chieminger Ortsverein. Ihr Chef Heinrich Hunglinger wundert sich, dass Ude überhaupt in die rote Diaspora gekommen ist.   

"Rasenmäherbulldogbremswagenziehen"

In einem Festzelt am Waldrand feiert die Harter Feuerwehr ihr 125-jähriges Gründungsfest und der Burschenverein "Edelweiß" sein 90-jähriges. Den Wahlkämpfer von der SPD haben sie eingeladen, um etwas Glanz in die Hütte zu bringen. Die Band Haindling kommt auch noch im Verlauf der Doppeljubiläumsfestwoche. Außerdem gibt es ein "Rasenmäherbulldogbremswagenziehen".

Ude muss während seiner Rede erst mal in Fahrt kommen. Zuerst streichelt er die Seelen der Feuerwehrleute, erzählt etwas langatmig, dass er, als "Oberbürgermeister der Landeshauptstadt" auch der oberste Feuerwehrmann sei und einen Helm mit der Funkverbindung Kater 1 besitze, eine Anspielung auf den bekennenden Katzenfreund Ude. Der Kalauer zündet nicht so recht. Nach einem Drittel der Redezeit wird Ude endlich politisch. Chancengleichheit an Bayerns Schulen, längeres Lernen bis zum Abitur, Mindestlohn, Energiewende, gerechter Ausgleich zwischen Stadt und Land, schnelles Internet für alle – das sind so die Themen, mit denen die SPD punkten will.  

Andere mögliche Wahlkampfschlager hat die CSU mit der ihr eigenen thematischen Flexibilität schon selbst abgeräumt. Die heiß umstrittene Donaukanalisierung in Niederbayern – abgeblasen, Studiengebühren erst eingeführt, dann wieder abgeschafft. Im Fall des möglicherweise zu Unrecht in der Psychiatrie einsitzenden Gustl Mollath hat Justizministerin Beate Merk zumindest ein wenig Zerknirschung gezeigt. Seehofer redet außerdem von Mindestlohn und einer "menschlichen Arbeitswelt" – typische SPD-Themen.