Es gibt Momente, da kann Beate Zschäpe ihr Innenleben nicht so perfekt maskieren wie sonst. Sie rollt mit der Zungenspitze an der Innenseite ihrer Wangen vorbei und schürzt die Lippen, manchmal blitzt ein nervöses Lächeln auf. Dann blickt sie kurz wie versteinert auf die Tischplatte, bis sich irgendetwas in ihr Bahn bricht und sie zum Aufschauen zwingt.

Es sind die Momente, in denen Zschäpe unabsichtlich etwas von sich preisgibt. Ihre Worte hat sie unter Kontrolle, doch ihr Mienenspiel kann sie nicht permanent in Schach halten. Die Hauptangeklagte schweigt, seit sie in Untersuchungshaft genommen wurde und auch die knapp zwei Monate des NSU-Prozesses hindurch. Gibt die mutmaßliche Terroristin ein stilles Bekenntnis ab? Oder sagt sie nichts, weil es nichts zu sagen gibt? Das muss der sechste Strafsenat unter Leitung von Richter Manfred Götzl derzeit klären. Allerdings hat Zschäpe nicht ständig geschwiegen – außerhalb der Vernehmungen hatte sie mit zwei Ermittlern gesprochen, durchaus in dem Wissen, dass diese Gespräche zu den Prozessakten genommen würden.

Zschäpe hatte sich dem Zwickauer Polizist André P. und dem BKA-Ermittler Frank L. anvertraut, darum sind beide heute als Zeugen geladen. P. vernahm Zschäpe am 8. November – vier Tage zuvor hatte sie mutmaßlich die Wohnung angezündet, in der sie mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gelebt hatte, im Anschluss war sie quer durch Deutschland geflüchtet, bevor sie sich in Jena der Polizei stellte. Danach verhörte P. sie auf der Wache in Zwickau gemeinsam mit einer Polizistin aus Baden-Württemberg, die mit den Ermittlungen im Mord an Michèle Kiesewetter befasst war. Deren Dienstpistole war in dem Wohnmobil gefunden worden, in dem sich Mundlos und Böhnhardt getötet hatten.

Der Kriminalhauptmeister erzählt von seiner Begegnung mit Zschäpe: Zur Brandstiftung – bis dahin der einzige Vorwurf – machte sie keine Angaben. Danach ließ sie sich jedoch auf ein Gespräch in P.s Büro ein. Sie durfte rauchen, es gab etwas zu essen. Zschäpe habe sich sichtlich unwohl gefühlt, weil sie ihre Kleidung der Spurensicherung übergeben musste und in einen Trainingsanzug der Polizei gesteckt wurde, außerdem habe sie nach der tagelangen Flucht "übernächtigt" gewirkt.

Wie zufällig habe sich eine Unterhaltung entsponnen, sagt P. Zschäpe habe gesagt, dass "die beiden", also Mundlos und Böhnhardt, ihre Familie gewesen seien. Sie habe sich gewundert, dass die beiden sich zu Kriminellen entwickelt hätten, obwohl sie aus guten Elternhäusern gestammt hätten. Auch von ihrer tatsächlichen Familie habe die mutmaßliche Terroristin gesprochen, von dem schlechten Verhältnis zu ihrer Mutter geredet und sich als "Omakind" bezeichnet. Als Zschäpe die Aussage hört, senkt sie die Augen und verbirgt ihren Mund hinter gefalteten Händen. P. sagt, sie habe bedauert, nicht zuvor noch bei der Großmutter vorbeigeschaut zu haben. Die Angeklagte hält sich am Bildschirm ihres Laptops fest, als könnte sie jeden Moment etwas davonreißen.

Es kann Zschäpe nicht gefallen, dass sie durch ihr Schweigen anderen die Deutungshoheit über sich überlässt. Sie lässt es über sich ergehen, dass ihre Lebensverhältnisse entblättert werden. Kann sie sich innerlich von den Schilderungen abschotten? Wenn ja, muss sie dafür ungeheure Kraft aufwenden.

Einige Äußerungen Zschäpes lassen reichlich Interpretationsspielraum: So habe sie gesagt, sie sei von den beiden Uwes "zu nichts gezwungen" worden, gibt P. zu Protokoll. Was damit gemeint war, daran kann er sich allerdings nicht mehr erinnern. Dass er sich immer wieder auf den Aktenvermerk beruft, den er am Tag nach dem Gespräch schrieb, verärgert mehrere Beistände der Nebenkläger. Anwältin Gül Pinar erbost sich so sehr über die Erinnerungslücken, dass sie schließlich beantragt, P.s Notizbuch aus der Polizeidienststelle zu beschlagnahmen.