Deutschland in der Welt – hier sollen Sie knapp erfahren, was politisch anliegt. Aber am heutigen Montag liegt eigentlich gar nichts an. Und das, obwohl die parlamentarische Saison vorüber ist und nun unbegrenzt Zeit für den Wahlkampf wäre. Wahlkampf aber hieße, leidenschaftlich über das zu streiten, was vor uns liegt – vor Deutschland und der Welt.

Doch statt einigermaßen visionär über die Zukunft zu diskutieren, reden die Parteien vor allem kleinteilig darüber, was hinter uns liegt. Allerdings ist aus den Hauptthemen dieser Vergangenheitsbewältigung kein parteipolitisch zündender Funke zu schlagen. Und zwar deshalb, weil beide große Parteien an dieser Vergangenheit jeweils selber maßgeblich beteiligt waren.

Beispiel eins: NSA und die Kooperation der Geheimdienste. Was immer man davon halten mag: Bundespräsident Joachim Gauck hat einen guten Ton getroffen, auch weil er sich der Mühen des Details enthalten konnte. In diese Geschichte waren im Ansatz die Regierung Schröder/Fischer und der damalige Kanzleramtsminister Frank Walter Steinmeier nicht minder involviert als ihre Nachfolger.

Was Wunder, dass die Idee, Kanzlerin Angela Merkel vor das Parlamentarische Kontrollgremium zu zitieren, schon in dem Augenblick fallen gelassen wurde, als klar wurde, dass dann auch Steinmeier drankäme.

Eine Nebenfolge der Schröderschen Weigerung, sich militärisch am Irakkrieg zu beteiligen (was damals von ihm auch gar nicht verlangt worden war), war eben auch die kompensatorische Bereitschaft, ansonsten gut zu kooperieren. Wenn aber gleich zwei frühere Innenminister, nämlich Otto Schily (SPD) und Wolfgang Schäuble (CDU) die Aufregung – zu Recht oder zu Unrecht – für übertrieben halten, erkennt auch der Laie: Macht- und wahlpolitisch enthält die Sache keinen fulminanten Sprengstoff.

Und weil wir ja zugleich über den deutschen Tellerrand hinausschauen wollen: Wie kommt es eigentlich, dass sich in England und Frankreich weder die Zeitungen noch die politische Klasse ähnlich erregen? Querelles allemandes?

Beispiel zwei: die Drohnenaffäre. Verteidigungsminister Thomas de Maizière hat sicherlich viele Management-Fehler gemacht, ja die Sache vielleicht überhaupt nicht gemanagt, aber die ursächlichen Grundfehler sind nicht nur von seinen unmittelbaren Amtsvorgängern aus der Union angelegt worden, sondern sie reichen auch in die Zeit des sozialdemokratischen Regiments zurück. Hier finden ebenfalls nur Abnutzungsgefechte statt. Kriegsentscheidend wird dies alles nicht sein.

Weshalb also nur mutlose Rechthabereien und keine mutig zukunftsweisenden Ideenwettbewerbe zwischen den Parteien, die doch so nötig wären? Wie kommt es, dass wir vor allem von unseren südländischen Nachbarn die Einführung einer seriösen Staatswirtschaft verlangen, während unsere Politiker, etwa der Union, trotz rekordhoher Steuereinnahmen nicht daran denken, unsere ebenfalls horrende Staatsverschuldung zukunftssichernd zurückzuführen, zum Beispiel durch echte Ausgabenkürzungen oder, wie SPD und Grüne, nur die Steuern weiter erhöhen wollen?

Die Schuld für die Austrocknung dieses Zukunftswettbewerbs liegt auf zwei Seiten: bei den Bürgern und bei den Politikern.

Die Bürger sind längst keine weitsichtigen Nutzenmaximierer mehr, die unter gegenwärtigen punktuellen Verzichtsleistungen in die Zukunft investieren, sondern kurzsichtige Schadensminimierer, die zum Beispiel lieber für sich an der Rente mit 65 festhalten, als das Rentensystem für ihre Kinder tragbar zu bewahren. Kann man es Wahlkämpfern verdenken, dass sie sich vor dieser Haltung fürchten?

Nun die Politiker. Ein weiser und zynisch gewordener Staatssekretär sagte mir einmal: "Leicht, denken Sie daran: In der Politik beginnt das Handeln frühestens, wenn sich die letzte Fingerkuppe der Kinderhand vom Brunnenrand zu lösen beginnt."

Nicht nur, dass die Regierenden von kurzfristigen Handlungszwängen gehetzt werden, sie wissen auch, dass grundsätzliche, langfristige Konzepte im Konkurrenzkampf nur zerredet werden. Angela Merkel hat dies im Wahlkampf 2005 schmerzlich gelernt, vielleicht sogar zu gut.

Und die SPD-Granden werden sich in den düstersten Stunden denken: Ach, hätten wir unseren Kanzlerkandidaten doch erst nach dem Wahlkampf benannt.