Seltsam, aber meine private Erinnerung an die Wahl 1983 beginnt mit einem fixen Datum, dem 22. Mai 1982. An diesem Tag sitze ich als Braut inmitten einer festlichen Gesellschaft neben meinem frisch angetrauten Ehemann auf einer mit rotem Chintz bezogenen Bank. Auf der haben vor uns schon viele Brautpaare Platz genommen in dem 300 Jahre alten Elternhaus. Ob diese Brautleute beim Essen auch eine so ernste Rede gehört haben wie wir damals? 

Mein Vater hält sich nicht lange auf mit Floskeln wie dem Glück der Liebe. Stattdessen spricht er, der zwei Weltkriege miterlebt hatte, den einen als Kind, den anderen als Soldat, von einer düsteren Zukunft und zitiert ein Wort des englischen Dramatikers Christopher Fry: "Das Dunkel ist Licht genug." 

Das Dunkel benennt er sehr präzise – mit der akuten Gefahr eines neuen Weltkriegs, den er angesichts der bevorstehenden Nato-Nachrüstung für wahrscheinlich hält. Unser Frieden sei so gefährdet wie nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, sagt er und entlässt das Brautpaar mit der Mahnung, alles daran zu setzen, den Frieden zu erhalten. Heftig diskutieren unsere Gäste danach beim Erdbeer-Tiramisu über das Für und Wider der Stationierung amerikanischer Mittelstreckenwaffen und Cruise Missiles. Wird man einen solchen Krieg, mitten in Deutschland, dort, wo der hochgerüstete Osten auf den hochgerüsteten Westen stößt, überleben? Kann das Theorem vom Gleichgewicht des Schreckens tatsächlich halten?

Wenige Wochen nach diesem denkwürdigen Tag überschlagen sich die Ereignisse: Rücktritt von vier FDP-Ministern der SPD/FDP-Regierung unter Kanzler Helmut Schmidt, Koalitionsbruch. Helmut Kohl wird zum Nachfolger gewählt, die SPD spricht von Verrat, in der FDP gärt, manche rechnen mit ihrer Spaltung. Denn erstmals hat es in der Bundesrepublik einen Machtwechsel ohne Wahlen gegeben; zur Bundestagswahl 1980 war die FDP noch mit einem Bekenntnis zur sozialliberalen Koalition angetreten, die sie nun aufgekündigt hat. Nicht alle Liberale ziehen da mit.

Von verschiedenen Seiten wird deshalb der Ruf nach Neuwahlen laut, um die neue Regierung zu legitimieren. Der Weg dahin ist allerdings schwierig. Denn vorgezogene Wahlen sind nach dem Grundgesetz nur unter strengen Bedingungen möglich. Nach einigem Hin und Her macht am 17. Dezember 1982 Schwarz-Gelb mit einer absichtlich verlorenen Vertrauensfrage den Weg frei für die Auflösung des Bundestags und Neuwahlen am 6. März 1983. Spitzenkandidat der CDU: Helmut Kohl. Für die SPD tritt Hans Jochen Vogel an, der sich selber als Verlegenheitskandidat sieht. 

Der Exjustizminister ist keiner, den einen Saal zum Kochen bringt. Als Mann "mit den Klarsichthüllen" verspotten ihn selbst Parteifreunde. Aber er fühlt sich in der Pflicht, da kein anderer Genosse ran will. Zu düster sind die Aussichten: Die SPD liegt nach dem Verlust der Macht am Boden, der Koalitionspartner ist ihr abhanden gekommen, ein neuer ist (noch) nicht in Sicht, und sie ist zudem heftig zerstritten. Nur wenige stehen noch hinter dem Kurs des hochgeachteten, aber am Ende in der eigenen Partei fast isolierten Exkanzlers Helmut Schmidt, vor allem in der Nachrüstungsfrage. Die Mehrheit der Genossen stellt sich unter dem Vorsitzenden Willy Brandt an die Seite der Friedensbewegung und fordert ein atomwaffenfreies Europa.

Kohl dagegen hat sich schnell in der Strickjacke der Macht eingerichtet. Er ist sich seiner Sache ziemlich sicher, und er kann es nach Lage der Dinge auch sein.