Reden wir nicht über Günter Grass, reden wir über Verrat. Über dieses Großkaliber der politischen Rhetorik und seine inflationäre Verwendung in der deutschen Politik. Die Geschichte der deutschen Linken ist voll, ja voll, davon: "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!", riefen die Linksradikalen in der Weimarer Republik, als die SPD nicht mit ihnen gemeinsame Sache machen wollte. In den sechziger und siebziger Jahren riefen es die protestierenden Studenten erneut, weil die Partei ihnen nicht sozialistisch und proletarisch genug war. So geht das weiter. Egon Bahr warf Herbert Wehner Verrat vor, nun also sagt Grass über Lafontaines Austritt aus der SPD und die Gründung der Linkspartei: "Es gab in der Geschichte der sozialdemokratischen Partei keinen schmierigeren Verrat wie den von Oskar Lafontaine an seinen Genossen."

Es ist kein Zufall, dass es vor allem die politische Linke ist, die sich ständig gegenseitig mit Verratsvorwürfen überzieht. Nur wer Ideale hat, kann sie auch verraten, und auf ihre Ideale hat die Linke schon immer viel gehalten. Hier aber wird es schon kompliziert. Denn natürlich beanspruchen die vermeintlichen Verräter für sich, weiterhin ihren Idealen zu folgen. Lafontaine hält sich heute für den wahren Sozialdemokraten.

Der Verrat existiert also nur für denjenigen, der ihn beklagt. Der Verratene, hier Grass, ist der Zurückgebliebene, der dem einstigen Weggefährten nachtrauert, ihm nachruft: Warum hast Du mich verlassen? Der Verräter selbst ist längst weitergezogen, er hat sich ja gegen seine alte Heimat und für einen anderen Weg entschieden. Er hat jetzt anderes zu tun – im inkriminierten Fall baute er eine neue Partei auf.

Das erklärt die oft schrille Lautstärke des Vorwurfs. Es ist dann oft gleich der schlimmste Verrat der Geschichte, oder zumindest der "schmierigste" wie bei Grass. Der Anklagende schreit seinen Vorwurf laut hinaus, um den enteilenden Verräter noch zu erreichen. Wer anderen Verrat vorwirft, sagt damit auch, dass bitte alles so bleiben soll, wie es ist. Dass die jetzige Linie die richtigen sind und jede Abweichung falsch. Schlimmstenfalls steht dahinter eine Art orthodoxes Reinheitsgebot einer Idee oder reaktionärer Korpsgeist: Einmal Marine, immer Marine. Oder, im Falle SPD: einmal Parteibuch, immer Parteibuch. So werden Ideale zu Dogmen und die politische Heimat zum Gefängnis.

Dabei wissen gerade Parteien: Ohne Abweichung keine Dynamik und Erneuerung. Wenn alle auf Linie sind, bewegt sich irgendwann gar nichts mehr. Die These ist nicht allzu weit hergeholt, dass Lafontaines Erfolg mit der Linkspartei die SPD dazu gebracht hat, sich wieder stärker um die sozial Schwachen zu kümmern.

Andererseits wird der Begriff mittlerweile so inflationär verwendet, dass er seine eigentliche Dramatik langsam verliert. Wenn alle Verräter sind, ist es ja auch wieder egal. Frank-Walter Steinmeier wirft der FDP Verrat an liberalen Werten vor, 2007 haben sogar einige CDU-Mitglieder Angela Merkel eine Verräterin genannt und alle zusammen haben sie die D-Mark verraten.