Es gab ein Problem, und Hans Eichel schien Teil der Lösung zu sein. Ein Text über Hessen sollte geschrieben werden, aus Anlass der Landtagswahl am 22. September. Was für Menschen leben hier, welche Probleme haben sie und welche Antworten? Ein vermessener Plan, natürlich. Dieses Land aber lässt sich noch weniger auf ein paar Stichpunkte reduzieren als andere. Hessen liegt in der Mitte von allem, hat von allem ein bisschen, aber von nichts die ganze, knallende Dosis. Hessen ist vielfältig, aber unspektakulär. Ein Dazwischen-Land, ein Redakteursalbtraum.

Also einmal quer durch dieses Land fahren. Ein paar Unterschiedlichkeiten aufschreiben, sich ein paar kluge Dinge erzählen lassen von einem, der sich hier auskennt.

Hans Eichel wurde in Kassel geboren, war dort Bürgermeister von 1975 bis 1991, dann acht Jahre Ministerpräsident in Wiesbaden bis 1999. Eichel ist jetzt 71 Jahre alt. An einem Montag Ende August macht er ein bisschen Wahlkampf in Südhessen, dafür fährt er von Kassel im Norden zum SPD-Ortsverband in Neckarsteinach. Ob man da mitfahren könne, im Bummelzug statt im ICE, denn es gehe ja um die Reise und nicht um das Ziel? Eichel überlegt kaum drei Sekunden, dann sagt er zu.

Eintrocknende Bierpfützen

Morgens, am Bahnsteig von Kassel-Wilhelmshöhe, übersieht man ihn dann erst einmal. So unscheinbar ist er, man muss schon nach Hans Eichel suchen, um Hans Eichel zu sehen. Inmitten einer Gruppe aufgedrehter Schüler steigt er in den Regionalexpress 4159. "Guten Morgen", sagt Eichel. Gewöhnliches, nettes Lächeln. Eichel legt die schwarze Ledertasche auf den Sitz am Fenster und setzt sich auf den Gangplatz. Er trägt ein dunkelgraues, grobes Wolljackett, das er nun aufknöpft, schwarze Jeans, schwarze, einfache Lederschuhe und blau-weißes Hemd, klein kariert. Um ihn herum lärmen die Schüler, die Luft ist abgestanden, es riecht nach Schweiß und nach den Bierpfützen, die ein paar Meter entfernt langsam eintrocknen. Der Zug fährt quietschend und ruckelnd an und in diesem Moment fragt man sich: Musste man ihm das hier wirklich antun? Was soll er denn Weltbewegendes sagen über das Land hinter dem Zugfenster? Vielleicht ist Eichel doch nicht die Lösung, vielleicht hat man ihn nur mit hineingezogen in das Problem.

Aber dann plaudert er schnell so unbekümmert los, dass diese Sorge schnell wieder verfliegt. Der Zug fährt durch einen Tunnel und Eichel sagt: "Weiß ich auch nicht, warum der damals unbedingt gebaut werden musste." Der Zug hält zum ersten Mal, in Wabern, der ehemalige Ministerpräsident zeigt auf ein Fabrikgebäude an den Gleisen. "Die haben hier Zuckerrüben. Dafür sind die bekannt, die ganze Gegend."

Eichel kann, das wird in den kommenden Stunden klar, wirklich zu jedem Halt etwas sagen. Ihm macht das sichtbar Freude, er kennt sein Land. 

Nordhessen ist eine ziemlich unspektakuläre Angelegenheit. Es gibt Kassel und die documenta, es gibt VW im Baunatal, das war es dann auch. Der Norden war immer der ärmere, provinziellere Teil Hessens. "Das Jammern war unser Markenzeichen", sagt Eichel über die Jahre nach dem Krieg. Die Alliierten hatten Nord- und Südhessen zusammengezwungen, und irgendwie läuft diese Grenze noch immer durch das Land. Eichel, der als Nordhesse ins südhessische Wiesbaden kam, kennt alle Vorurteile: Für die im Norden beginnt der Balkan am Main. Unzuverlässig sind sie da unten, arrogant, und dann babbeln sie auch noch so komisch. Der Norden andererseits: sibirische Steppe eigentlich, unkultiviert, arm, bäuerlich. Hinter dem Vogelsberg leben die noch auf den Bäumen. "Aber das ist natürlich alles Quatsch, Folklore", sagt Eichel. Im Regierungsbezirk Kassel ist die Arbeitslosigkeit längst genauso niedrig wie im Landesschnitt. Gießen und Marburg sind schon seit Jahrzehnten lebendige Uni-Städte, seit 1971 hat auch das vermeintlich rückständige Kassel seine eigene Hochschule.

Und doch haben sie Eichel, als er aus Kassel in Landeshauptstadt Wiesbaden kam, verspottet. AOK-Bereichsleiter. Charme einer nassen Nudel. Bebrillte Büroklammer. "Ich habe gelernt, Menschen haben kaum etwas Heiligeres als ihre Vorurteile. Sie können die nicht besiegen, sie können sie nur aufnehmen und ins Positive drehen." Man ist kurz geschockt, denn nach 30 Jahren Spitzenpolitik ist das ja eigentlich ein total frustrierender Satz, aber Eichel lächelt das einfach weg, und dann kommen auch schon die nächsten Haltestellen und seine munteren Assoziationen.

Borken: "Braunkohle, das Grubenunglück, Bergbaumuseum, tüchtiger Bürgermeister." Treysa: "Rotkäppchen-Land, Brüder Grimm." Stadtallendorf: "Munitionsfabrik mit Altlasten, Ferrero-Küsschen." Friedberg: "Alles platt hier. Rollendes R."