Aiwanger, der in dem Dorf Rahstorf nahe Landshut lebt, ist einer der wenigen Politiker, die im Landtag ihre Reden frei halten. "Wer nicht lügt, der braucht kein Redemanuskript", sagt er. Nur ein einziges Mal ringt Aiwanger an diesem Tag nach Worten,  als nämlich ein Windstoß eines seiner Wahlplakate mit einem lauten Knall hinweggefegt. Ein paar Passanten lachen laut. "So sind die Politiker halt. Spätestens nach der Wahl fallen Sie um", ruft einer von ihnen in seine Richtung. Nach einigen Sekunden hat Aiwanger die passende  Antwort: "Ja, der Horst Seehofer ist schon öfter umgefallen. Wir stehen zu unseren Versprechen."

Die Freien Wähler sind ganz auf die Person Aiwanger zugeschnitten. Er ist Vorsitzender und Fraktionschef im Landtag zugleich. "Aiwanger ist ein Fürst auf dem Land", konstatierte jüngst die Süddeutsche Zeitung. Längst haben die FW mehr Landräte im Freistaat als die Sozialdemokraten. Gerade in kleineren Städten und auf dem Land gelingt es der Partei, unzufriedene Wähler der CSU für sich zu gewinnen. "Die Freien Wähler sind konservativ und ländlich", sagt auch der Passauer Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter. Je moderner die CSU notgedrungen wegen des Wandels der Werte und Lebensstile werde, umso weniger würden FW-Wähler zu ihr zurückkehren. 

"Größenwahnsinn" im Festzelt

Wer Aiwanger im Wahlkampf begleitet, erkennt rasch, warum die Freien Wähler der CSU gefährlich werden. Etwa, wenn ihr Vorsitzender beim Frühschoppen in Aidenbach spricht. Die 3.000 Einwohner zählende Gemeinde liegt im Osten Bayerns und ist umgeben von riesigen Maisfeldern. Im Festzelt fließt das Bier in Strömen. Die Menge feiert Aiwanger, wenn er gleichermaßen gegen CSU und EU poltert: "Die Bauern werden doch seit Jahren an der Nase herumgeführt", schreit Aiwanger. Und CSU-Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner unternehme nichts dagegen, sondern lasse sich lieber "im Dirndl ablichten". EU und Bundesregierung würden mit den Banken-Rettungsprogrammen den Mittelstand systematisch zerstören. Der schwarz-gelben Landesregierung wirft er "Größenwahnsinn" vor. Das flache Land blute aus, weil der Freistaat sich mit seiner Politik nur auf die Metropolen konzentriere. "Und die Münchner können ihre Mieten nicht mehr bezahlen". Auch Helga Beck  klatscht begeistert. "Er redet Klartext ", sagt die 53-jährige Verkäuferin, die Landhaus-Stil trägt.

Weniger gut kommen die Freien Wähler in den Großstädten an. Fast überall blieb die Partei bei den vergangenen Landtagswahlen deutlich unter der Fünfprozent-Marke. Nur zwei Landtagsabgeordnete haben die Freien Wähler derzeit in Bayerns größeren Städten. Einer davon ist der Münchner Michael Piazolo. "Natürlich haben wir in den Großstädten nicht das Gewicht wie auf dem Land ", sagt der Professor, während er ein Wahlplakat anbindet. Doch diesmal würden die FW auch in den Metropolen gute Ergebnisse einfahren. So hätten sie mit der von von ihnen per Volksbegehren initiierten Abschaffung der Studiengebühren auch bei Stadtbewohnern kräftig gepunktet.