Bislang konnte man in diesem stillen Hochsommer-Wahlkampf den Eindruck bekommen, nur der SPD sei nicht besonders daran gelegen, im September wieder an die Macht zu kommen. Lust- und ratlos suchen die Sozialdemokraten nach Themen, um gegen die schwarz-gelbe Konkurrenz zu punkten. Ihr Kanzlerkandidat Peer Steinbrück findet ebenfalls kein Rezept gegen die trotz aller Regierungspannen unverändert populäre Amtsinhaberin.

Im Vergleich dazu gaben die Grünen bisher ein eher entschlossenes Bild ab. In den Umfragen liegen sie daher stabil auf hohem Niveau, während die SPD im Jammertal verharrt. Das könnte sich nun ändern. Denn mit dem von ihnen selber beförderten Sommerloch-Vorstoß, in den Kantinen des Landes einen fleischlosen Tag einzuführen, weckt die Ökopartei ungute Erinnerung. Schon zweimal haben die Grünen in Bundestagswahlkämpfen kräftig daneben gelangt. 1990 plakatierten sie "Alle reden von der Einheit, wir reden vom Wetter" und demonstrierten damit, dass ihnen das historische Thema, dass damals alle Deutschen bewegte, ziemlich egal war, jedenfalls weniger wichtig als der Klimawandel. Prompt landeten sie im Aus.

Acht Jahre später wiederholten die Grünen das beinahe, als ein Parteitag kurz vor der Wahl 1998 die Forderung nach fünf Mark pro Liter Benzin beschloss. In den Umfragen stürzten sie daraufhin ab, wenngleich es noch zur Beteiligung an der rot-grünen Regierung reichte.

Dennoch werden die Grünen seitdem den Ruf nicht los, den Bürgern den Spaß nehmen und ihnen vorschreiben zu wollen, wie sie zu leben haben. Bei der grünen Kernklientel mag das ankommen. Gutverdiener, die sich ihre Lebensmittel im Bioladen kaufen, sind häufig der Meinung, dass die meisten Mitbürger einfach zu blöd sind, die Segnungen einer umweltbewussten, nachhaltigen Lebensführung zu erkennen. Die Mehrzahl der Wähler, die ganz andere Sorgen drücken, erreichen die Grünen mit der Idee des Veggie Day sicher nicht. 

Kein brennendes Thema

Das könnte ihnen gleichgültig sein, solange sie nicht zusammen mit der dauerschwächelnden SPD im Herbst die Regierung stellen wollen. Denn dafür müssten die Grünen Wählerschichten erschließen, denen es nicht vordringlich darum geht, Tiere zu schonen und sich gesünder zu ernähren – mit Themen, die den Menschen wirklich auf den Nägeln brennen.

Die finden die Grünen aber offensichtlich so wenig wie der Wunschkoalitionspartner. Statt sich etwa intensiv mit der Energiewende und den steigenden Strompreisen zu beschäftigen, beißen sich beide Parteien seit Wochen an der NSA-Affäre fest. Die Wähler kümmert das kaum. Anders ist kaum zu erklären, dass Schwarz-Gelb in jüngsten Umfragen sogar erstmals seit Langem wieder ein Mehrheit hat, obwohl die Großzahl der Befragten den Umgang der Regierung und der Kanzlerin mit dem Datenskandal für völlig unzureichend hält.

Offensichtlich trauen die Deutschen trotz allem Angela Merkel immer noch am ehesten zu, das Land wenigstens halbwegs ruhig zu verwalten, auch wenn sie um ihre Privatsphäre bangen. SPD und Grünen geben aus ihrer Sicht augenscheinlich keine überzeugende Antwort, warum man Merkel und ihre Regierung deshalb ablösen sollte. Vegetarisches Kantinenessen hilft da nicht weiter, denn das Ökoanliegen ist grundsätzlich längst breit in der Bevölkerung verankert. Wer darin mitwirkt, dass die Bild-Zeitung solche Orchideenthemen aus dem Grünen-Wahlprogramm nach oben zieht, wie jetzt die ehemalige Verbraucherministerin Renate Künast, zeigt eher, dass er noch ein paar Jahre in der Opposition bleiben möchte.