"Jetzt geht’s ums Ganze", steht auf den Wahlplakaten der Liberalen. "Zweitstimme FDP" haben sie in großen Lettern dazu geschrieben. Das offensive Werben der Partei um Zweitstimmen von Unionswählern sorgt derzeit für einige Aufregung – neu ist es nicht. Im Gegenteil. Es gab schon einmal Zeiten, in denen die CDU und auch die SPD offensiv um Stimmen für die Liberalen warben und eine Leihstimmenkampagne gar nicht schlimm fanden.

Bevor die Grünen 1983 zum ersten Mal in den Bundestag einzogen, war die FDP der einzige Mehrheitsbeschaffer für CDU und SPD. Nur mit den Liberalen konnten Koalitionen gebildet werden. 1972 fuhr die FDP zum ersten Mal eine Leihstimmenkampagne. Der Bundeskanzler hieß Willy Brandt (SPD) und es ging um nicht weniger als die deutsche Ostpolitik. Mit aller Macht sollte verhindert werden, dass die SPD in ihrer Politik der Öffnung und Versöhnung gestoppt wird und die CDU den Kanzler stellt. Das zahlte sich offenkundig aus: Die FDP legte bei der Bundestagswahl ein gutes Ergebnis hin und kam auf 8,4 Prozent (1969: 5,8 Prozent), die sozialliberale Koalition konnte weiter regieren.

Kohl zog die Liberalen auf seine Seite

Auch 1976 arbeitete man wieder zusammen; nur diesmal sollten die Wähler in die andere Richtung wandern. Die FDP schien sicher in den Bundestag zu kommen, nun musste die SPD gestärkt werden.  Der liberale Spitzenkandidat Hans-Dietrich Genscher bestritt zwar im Interview mit dem Spiegel, dass er Wähler quasi zu einer Erststimmen-Kampagne aufrief. Doch er sagte auch: "Warum soll nicht ein Wähler von den Möglichkeiten des Wahlrechts Gebrauch machen und seine Erststimme dem Kandidaten einer anderen Partei geben als der FDP und umgekehrt?" Wieder war die Leihstimmen-Strategie von Erfolg gekrönt. Helmut Schmidt (SPD) konnte die Koalition mit den Liberalen fortsetzen. Obwohl die CDU mehr als 48 Prozent erhalten hatte und damit stärkste Partei wurde.

Wenige Jahre später nutzte mit Helmut Kohl ausgerechnet ein CDU-Politiker die Chance, enttäuschte Liberale auf seine Seite zu ziehen und damit Kanzler Schmidt zu stürzen. Nach dem Bruch der sozial-liberalen Koalition musste die FDP bei der Neuwahl 1983 allerdings um ihren Wiedereinzug in den Bundestag fürchten. Der neue Kanzler Helmut Kohl (CDU) ließ deshalb eine Zweitstimmenkampagne der Liberalen zu, um seine Wiederwahl nicht zu gefährden. "Die FDP braucht Ihre Zweitstimme", plakatierte die Partei.

Vor 30 Jahren stellten sich erstmals aber auch die Risiken solcher Kampagnen heraus: Bei der Landtagswahl in Hessen rief der CDU-Spitzenkandidat Walter Wallmann zur Stimmenabgabe für die FDP auf. Die Liberalen kamen zwar tatsächlich in den Landtag, die CDU büßte jedoch mehr als sechs Prozentpunkte ein und die SPD übernahm – toleriert durch die Grünen – die Macht.