Peer Steinbrück will abrechnen. Da muss auch die deutsche Sprache einiges aushalten: Kanzlerin Angela Merkels Ministerrunde sei das "tatenloseste Kabinett seit der deutschen Wiedervereinigung", ruft der SPD-Spitzenkandidat am Rednerpult. Tatenloser als tatenlos also.

Der Plenarsaal summt bei dieser letzten Sitzung vor der Wahl, in rappelvollen Sitzreihen erleben die Fraktionen das eigentliche Duell von Kanzlerin Merkel und SPD-Herausforderer Steinbrück. Befreit vom Minutenkorsett des Fernsehens und lästigem Nachhaken der Moderatoren ringen die Spitzenkandidaten ein letztes Mal um die Meinungsführerschaft. Schülergruppen auf den Besuchertribünen erleben eine zum Wahl-Zweikampf gewordene Parlamentsdebatte. Das Fernsehen überträgt live.

Steinbrück wittert die Chance, die anscheinend aussichtslose Lage zu seinen Gunsten zu wenden. Die Blitzumfragen vom TV-Duell vom Wochenende zeigten ihm und seiner Partei: Inzwischen können sich ihn deutlich mehr Menschen als Kanzler vorstellen.

Davon beflügelt, beginnt Steinbrück im Plenum starke Attacken. Er verhöhnt die schwarz-gelbe Regierung als Ankündigungskabinett. Merkels wichtigste Worte seien: "Ich werde..., Ich will…", ätzt er und öffnet das Register der offenen Projekte: Beim Thema Lebensleistungsrente stehe die Arbeitsministerin konträr zur eigenen Partei. Die Ansätze der noch immer unvollendeten Pflegereform stammten von der früheren SPD-Ministerin Ulla Schmidt. Frauenförderung, Breitbandversorgung, Rentenreform – alles nichts geworden, ruft Steinbrück und folgert: Merkel sei "Architektin der Macht", nicht Gestalterin des Landes.  

Vorlage vom Gegner selbst

Steinbrück wirft Merkel "politisches Hütchenspiel" vor, da sie krisengeschwächte Banken durch den Rettungsfonds ESM sanieren lassen will. "Ist das keine Haftungsunion", fragt Steinbrück und läuft zur Hochform auf: "Sprechen wir es mal aus vor der Bundestagswahl", ruft er. Mit ihm als Bundeskanzler werde es kein Steuergeld für ausländische Banken geben.

Die neueste Vorlage lieferte ihm der Gegner selbst: Von Steinbrück in die Ecke gedrängt, schloss Merkel im TV-Duell eine PKW-Maut aus. Tags drauf erneuerte CSU-Chef Horst Seehofer seine Forderung und machte sie zum Thema des "bayerischen Patriotismus". Steinbrück redet sich in Rage: Der "Quartalsirre" Seehofer schicke Merkel mit seinem "politischen Klamauk" auf die Oppositionsbank, "bevor die Wahllokale überhaupt geschlossen haben". Steinbrück macht Stimmung, die SPD-Fraktion jubelt.

Dennoch bleibt der Kandidat nicht fehlerfrei. Hart pariert er Merkels Vorwurf, die SPD sei in der Europapolitik kein verlässlicher Partner: "Das werden wir uns merken", ruft er. "Sie müssen wissen, dass Sie damit Brücken zerstören." Brücken? Zu Merkel? Steinbrück schiebt schnell die Erklärung ein, dass die SPD die großen Regierungsprojekte zur Euro-Rettung stets mittrug. Doch es bleibt der Nachgeschmack, er spreche von der nächsten Großen Koalition.

Angela Merkel hat es leichter, sie agiert von der Kanzel ihrer Umfragewerte. Genüsslich erinnert sie daran, dass die SPD bei bedeutsamen Gesetzespaketen stets die Regierung unterstützte – oder in der schwarz-roten Koalition sogar daran mitschrieb. Atomausstieg, die Euro-Rettungspakete, den nationalen Antikrisen-Wachstumspakt, die Übergabe der Verantwortung in Afghanistan. "Sie haben alle zugestimmt", ruft Merkel. "Da ist es doch gar nicht sinnvoll, hier so ein Geschrei zu entfachen." Da ist es wieder, Steinbrücks Dilemma.

Merkels Botschaft ans Wahlvolk passt in eine Frage: Warum nicht alles so lassen wie es ist? Mit dem Mindestlohn oder in der Energiewende hat die Union seit Langem Kernthemen von SPD oder Grünen auf der Agenda. Warum also SPD wählen?  

Zwei Wochen haben Steinbrück und die SPD noch Zeit, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Zumindest, das zeigt die energiegeladene Debatte von heute, könnte es eine geben. Steinbrück hat binnen zweier Tage Wahlkampflaune verbreitet.