Um 18 Uhr bricht Jubel aus bei den Grünen. Ein Missverständnis: Auf die 33 Prozent der CDU folgen noch 8 Prozent der CSU. Es gibt keine herben Verluste für Angela Merkel. Kurz darauf wird die Schadenfreude umso lauter, als die Prognose für die FDP erscheint. Gefolgt von einem Aufschrei der Enttäuschung über die eigenen Verluste: Dass die Partei so kräftig verliert, hatten die meisten Grünen trotz der zuletzt miesen Umfragen nicht gedacht.

Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt fasst als erste die Enttäuschung auf der Bühne in Worte. "Das ist verdammt hart", ruft sie den Grünen in der Berliner C-Halle zu. Sie spricht von viel Gegenwind im Wahlkampf und verspricht eine "sehr ehrliche und klare Analyse" dessen, was schief gelaufen sei. "Gemeinsam schaffen wir es wieder raus aus diesem Loch", sagt sie. Gemeinsam will es auch Jürgen Trittin schaffen: "Man kann mal ein Spiel verlieren, dann steht man wieder auf und kämpft weiter", sagt er unter dem Jubel der etwa 2.000 Parteianhänger. Persönlich Verantwortung übernehmen will er nicht. Noch nicht wohl eher: Der Fraktionschef und Spitzenkandidat ist nach diesem Wahlabend angezählt in der Partei.

Die Grünen stehen vor einer entscheidenden Woche. Sie muss dieses als Niederlage empfundene Ergebnis aufarbeiten, in der Partei, ihren Flügeln und der neuen Fraktion. Am Montag treffen sich die Gremien, am Dienstag alte und neue Abgeordnete, am Samstag schließlich tagt der Länderrat, eine Art kleiner Parteitag. Das werden Tage der Abrechnung: Schonungslos soll die Analyse werden, heißt es einhellig von allen Vertretern der Partei- und Fraktionsspitze an diesem Abend. Aber bitte gemeinsam: Voreilige Personaldebatten sollen verhindert werden, Köpfe noch nicht rollen.

Bei den Grünen brodelt es

Intern haben die Diskussionen aber längst begonnen, es brodelt in der Partei. Der Frust über das Ergebnis und den Wahlkampf ist groß. Die Unzufriedenheit trifft sowohl die Parteiführung wie auch die Fraktionsspitze. "Viele wollen einen kompletten Neuanfang", heißt es aus der Bundestagsfraktion. Vor allem Trittin stehe auf der Abschussliste. Wenn er Dienstag nicht selbst seinen Rücktritt verkünde, wird ein Aufstand unter den Abgeordneten erwartet. Wen es noch treffen wird, kann niemand mit Gewissheit sagen. Wahlkampfmanagerin Steffi Lemke wird aber immer wieder genannt.

Die Personaldebatten stehen allerdings unter einem Vorbehalt: Möglichen Koalitionsgesprächen mit Angela Merkel und der Union. Schwarz-Grün kann und mag sich zwar kaum einer vorstellen. Doch die Grünen seien "natürlich grundsätzlich gesprächsbereit", so Parteichef Cem Özdemir. "Es liegt jetzt an Merkel und der CDU zu entscheiden, mit wem sie sprechen wollen." Den Schwarzen Peter möchte Özdemir aber lieber der SPD zuschieben, die sei doch deutlich attraktiver für die Union. Auch seine Mitvorsitzende Claudia Roth will nicht mit den vermeintlichen Schmuddelkindern von der CDU spielen: "Wir wollen doch eine andere Politik machen", sagt sie fast flehentlich.

Die Unlust der Grünen auf die Rolle als Merkels Mehrheitsbeschaffer ist in jedem Gespräch zu spüren und zu hören. Vor allem der Wahlkampf hat die Gräben vertieft, die Angriffe von CDU und CSU in Veggie-Day- und Pädophilie-Debatten sind nicht so schnell vergessen.