"Ich kämpfe gegen die Stimmung an", sagt eine Grüne, für die es nicht die erste Bundestagswahl ist, atemlos ins Telefon: "Was soll ich auch machen?" Die Situation sei dramatisch, beschreibt es ein anderer, der ebenfalls für den Bundestag kandidiert. Das Krisenmanagement der Partei sei "katastrophal". Von "großen Sorgen" wiederum sprechen Dritte. Die "hochfliegenden Pläne" der Spitzen-Grünen für den Wahlkampf, alles sei binnen so kurzer Zeit zusammengebrochen. Namentlich genannt werden will keiner von ihnen.

Man mag es kaum glauben, aber diese Sätze stammen von derselben politische Gruppierung, die vor zwei Jahren in den Umfragen noch bei 20 Prozent stand. Die als neue Volkspartei gehandelt wurde. Die den ersten grünen Ministerpräsidenten stellte, der sogleich warnte, man müsse ob der eigenen Erfolgswelle "auf dem Teppich bleiben". Diese Sätze stammen von der Partei, die zuletzt noch fest davon ausging, um die 13 bis 15 Prozent der Zweitstimmen bei der Bundestagswahl zu holen.

Von der damaligen Euphorie ist heute nicht mehr viel übrig. Die Grünen sind frustriert: Stunden vor der Bundestagswahl brodelt es bei den Grünen wie in keiner anderen Partei. Die vergangenen Wochen waren nicht einfach: Nach Veggie-Day-Vorwürfen und einem umstrittenen Steuer-Wahlkampf waren die Grünen in den Umfragen auf Werte um die zehn Prozent abgesackt. Sie hatten monatelang penibel vorgerechnet, wie sie Steuern für Gutverdiener erhöhen wollten. "Aber die Leute wollen lieber betrogen werden", sagt eine Wahlkämpferin voller Resignation: "Ich kann denen unsere Pläne einfach nicht überzeugend erklären."

Seit vergangenen Montag gibt es zudem harte Vorwürfe gegen Spitzenkandidat Jürgen Trittin. Er war 1981 presserechtlich verantwortlich für ein Kommunalwahlprogramm, das für die Straffreiheit sexueller Handlungen Erwachsener mit Kindern eintrat. Trittin hat darauf verwiesen, dass das in den Achtzigern Beschlusslage der Bundespartei und ein Fehler gewesen war.  Am Freitag dann musste auch Volker Beck, der parlamentarische Fraktionsgeschäftsführer, eingestehen, dass er 1988 doch in einem Text für die "Entkriminalisierung der Pädosexualität" eingetreten – und eben nicht einfach falsch wiedergegeben worden war, wie er vorher behauptet hatte. Beck hat versucht zu tricksen, sein Handeln von damals herunterzureden. Das sind keine guten Schlagzeilen so kurz vor der Wahl. 

Die mehr als triste Abschlusskundgebung

"Keine ordentliche Entschuldigung" sei den beiden, sowohl Trittin als auch Beck, über die Lippen gekommen, erregen sich mehrere grüne Strategen. Und sowieso: Das hätte man alles nicht vertuschen dürfen. Offen reden mögen sie nicht.  Seit dieser letzten Enthüllung jedenfalls gibt es in der Partei nur noch wenige, die wirklich daran glauben, dass am Sonntag noch ein gutes Ergebnis für die Grünen drin ist. Manche fürchten sogar, dass die Partei weniger Prozente holen könnte als noch 2009 – damals waren es 10,7 Prozent. Einstellig bleiben, also am Ende eines mit solchem Selbstbewusstsein gestarteten Wahlkampfes auch noch wichtige Sitze im Bundestag verlieren, das ist die Angst, die bei den Grünen umgeht.

"Feierabendbier", ruft ein tapferer Mensch am Freitagabend auf der Warschauer Brücke in Berlin-Friedrichshain den Passanten zu. Gegen das miese Wetter hat er ein knallgrünes Regencape übergezogen, neben ihm stapfen zwei ebenfalls knallgrüne Kreaturen auf Stelzen durch den Regen. Sie wollen Aufmerksamkeit erregen. "Schwarz-Gelb abwählen und bei uns vorbeikommen. Gibt Bier vorm Cassiopeia", wiederholt der Wahlkämpfer und weist den Weg in Richtung der Diskothek, vor der die Partei eine Open-Air-Bühne aufgebaut hat.

Es ist die – man kann es nicht anders sagen – mehr als triste Abschlusskundgebung der Grünen-Spitze zur Bundestagswahl 2013. Der Berliner Direktkandidat Hans-Christian Ströbele ist da, die Berliner Spitzenkandidatin Renate Künast, später kommen die beiden Spitzenkandidaten Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt dazu. Es regnet, zwischendurch so heftig, dass das Wasser in dicken Strahlen über die Regenschirme auf den Boden platscht.