ZEIT ONLINE: Nach der Parteivorsitzenden Claudia Roth und Fraktionschefin Renate Künast zieht nun auch Spitzenkandidat Jürgen Trittin die Konsequenz aus der Wahlniederlage der Grünen und zieht sich aus dem Fraktionsvorsitz zurück. War das unvermeidlich?

Robert Habeck: Der Schritt ist richtig. Und trotzdem muss man einen Moment innehalten, denn Wahlkampf ist immer ungerecht. Er wird von allen verantwortet und geführt. Aber am Ende gibt es immer personalisierte Verantwortung. Man ist Held oder Loser. Das ist der Fluch und der Reiz von Spitzenkandidaturen.



ZEIT ONLINE: Haben Sie als führender Realo plötzlich Mitleid mit ihm?



Habeck: Ich war selber 2002 Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein. Das Bundesland ist klein. Aber der Wahlkampf ging in die Knochen. Wie viel mehr muss es bundesweite Spitzenkandidaten an Kraft kosten, zwischen Flensburg und Bayreuth zu tingeln? Nie mehr zu Hause, immer auf der Autobahn, voll im Wahlkampftunnel und dann sieht man plötzlich den Horizont – und ist die ganze Zeit in die falsche Richtung gefahren. Grausam und bitter. Doch das sind die Regeln. Dass Trittin sie kennt, ist respektabel.

ZEIT ONLINE: Brauchen die Grünen jetzt eine komplett neue Führung? Sollten sich die Kospitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir ebenfalls zurückziehen?

Habeck: Ich habe Cem Özdemir so verstanden, dass er wieder als Vorsitzender kandidieren will. Das unterstütze ich. Ansonsten bin ich der Meinung, dass der Wahlausgang so ins Kontor geschlagen hat, dass wir alles und jeden auf den Prüfstand stellen müssen. Die notwendige programmatische Neujustierung darf vor Personen nicht haltmachen.

ZEIT ONLINE: War die Ausrichtung im Wahlkampf grundverkehrt?

Habeck: In unserem Wahlkampf ist vieles schief gelaufen. Das war nicht nur das Steuerprogramm, es war auch die Aufstellung links von der SPD. Das müssen wir jetzt gründlich aufarbeiten.   

ZEIT ONLINE: Wo sehen Sie denn den künftigen Platz der Grünen? Eher in der Mitte, nachdem die FDP ausgeschieden ist?

Habeck: In der Tat, wir sollten uns als Grüne jetzt um die Themen kümmern, die die FDP zuletzt kaum noch wahrgenommen hat, nämlich Bürger- und Freiheitsrechte. Das sind Urthemen der Grünen, die in diesem Wahlkampf viel zu kurz gekommen sind. Das beginnt bei der NSA und Überwachung und endet beim Lebensstil, bei der Selbstverwirklichung. Es widerspricht unserem Selbstverständnis, wenn der Eindruck entsteht, wir wollten den Menschen sagen, wie sie zu leben haben.

Daneben tut sich das Feld der Wirtschaftspolitik für uns auf. Die wurde ebenfalls traditionell mit der FDP verbunden, allerdings eher im Sinne von Lobbypolitik für die Großkonzerne. Wenn wir als Grüne zeigen, dass ökologische Innovation und Transformation die Wirtschaft modernisiert und ihren Tüftler- und Erfinderreichtum stärkt, haben wir auch hier große Chancen zu punkten.