Die Wirtschaftsexpertin Kerstin Andreae wird bei der Wahl der Grünen-Fraktionsspitze antreten. Das kündigte Andreae auf Twitter an. Damit könnte es zu einer Kampfabstimmung zwischen Andreae und der bisherigen Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt kommen, die beide dem Realo-Flügel der Partei zugerechnet werden. Am Wahlkampf Göring-Eckardts gab es auch bei den Realos Kritik.

Sie wolle einen Beitrag dafür leisten, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, schrieb die aus dem einflussreichen baden-württembergischen Grünen-Landesverband stammende Bundestagsabgeordnete in einem Brief an ihre Fraktionskollegen. Sie wolle "neue Brücken zur Wirtschaft und in die Gesellschaft schlagen".

Aufseiten der Parteilinken hat sich bislang Anton Hofreiter als Nachfolger für den Fraktionsvorsitzenden und zweiten Spitzenkandidaten Jürgen Trittin beworben, der ebenso wie Ko-Fraktionsvorsitzende Renate Künast nicht mehr für den Posten antreten will.

Andreae, 44 Jahre alt, ist verheiratet und hat drei Kinder. Dem Bundestag gehört die Freiburgerin seit 2002 an, der Partei seit 1990. Seit 2012 ist sie stellvertretende Vorsitzende und politische Koordinatorin des einflussreichen Arbeitskreises 1 in der Fraktion, der für Haushalt, Steuern und Finanzen und Wirtschaft zuständig ist. Zuvor war die Diplom-Volkswirtin Sprecherin der Grünen-Fraktion für Kommunalpolitik und Obfrau im Finanzausschuss.

"Idee einer grünen Ökonomie"

"Die Niederlage vom 22. September schmerzt", schrieb Andreae. "Aber wir lernen aus ihr." Selbstständige, Arbeitnehmer, Handwerker und Unternehmer seien "nicht unsere Gegner, sondern unsere Partner, die wir für unsere Idee einer grünen Ökonomie gewinnen müssen". Allerdings sei Ökologie nicht ohne soziale Gerechtigkeit zu haben. Inhaltliche Neuaufstellung bedeute auch, "Bisheriges zu hinterfragen, auch zu korrigieren, ohne an unseren ökologischen und sozialen Grundsätzen zu zweifeln". Bei einer inhaltlichen Neuaufstellung müsse klar sein, "dass das nicht bedeuten kann, nur Neues auf Altes oben drauf zu satteln".

Andreae schließt Schwarz-Grün nicht grundsätzlich aus. "Wir sollten sehr ernsthaft in Sondierungsgespräche gehen. Das erwarten die Wählerinnen und Wähler auch in einer Demokratie", sagte Andreae Handelsblatt Online . Allerdings hätten sich die Grünen im Wahlkampf klar gegen die Union gestellt, "da dürfte Schwarz-Grün kaum möglich sein".