Dieser verregnete Dienstag nach der Bundestagswahl 2013 wird grüne Parteigeschichte schreiben. Im Berliner Reichstag trifft sich erstmals die neu gewählte Fraktion, es ist stickig heiß und es gibt Suppe und Kaffee. 63 Namensschildchen liegen aus für das Kennenlernen der Abgeordneten. Weniger als 2009: Fünf Sitze haben die Grünen bei dieser enttäuschenden Wahl verloren, aus der sie doch deutlich gestärkt herauskommen wollten. 

Daher ist dies kein Standardtermin, die Gesichter sind ernst, der Medienandrang ist enorm. Alle warten auf Jürgen Trittin, ihren langjährigen Vorsitzenden. Wird er Verantwortung für das schlechte Ergebnis übernehmen?

Trittin kommt kurz vor 13 Uhr, äußerlich wirkt er gelassen, begrüßt Mitstreiter, scherzt mit Abgeordneten über Umzugsproblemchen nach Berlin, sein lautes Lachen ist durch den ganzen Raum zu hören. Schon kurz nachdem sich die Türen schließen und die interne Sitzung beginnt, sagt der 59-Jährige den Abgeordneten, dass er nicht mehr als Fraktionsvorsitzender kandidieren wolle. Es sei an der Zeit, den Weg frei zu machen für eine neue Generation grüner Politiker, die die Partei 2017 in die nächste Bundestagswahl und dann hoffentlich auch in eine Regierung führen müsse. Trittin übt auch ein bisschen Selbstkritik. Es habe kommunikative Probleme im Wahlkampf gegeben, bei den geplanten Steuererhöhungen habe er als Spitzenkandidat den Widerstand in der Bevölkerung unterschätzt. Die Grünen sind erleichtert, spenden ihrem langjährigen Anführer warmherzigen Applaus.

Auch ein Verlust von Erfahrung

Er geht also doch. Bis zuletzt hatten Parteistrategen gefürchtet, dass er am Fraktionsvorsitz festhalten wolle. Beim Treffen des Parteivorstandes am Montag nur Stunden nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis und auch bei einem Treffen des linken Parteiflügels am Abend hatte sich der Niedersachse noch alle Optionen offengehalten. Niemand klebe an seinem Stuhl, hatte Trittin da etwas kryptisch gesagt, berichten Teilnehmer, doch was das bedeute, habe man nicht genau gewusst. Stunden später dann doch der Rückzug, endlich, sagen manche.

Parteichefin Claudia Roth war da schneller. Sie hatte am Montagabend beim gleichen linken Flügeltreffen vor Trittin gesprochen und sofort ihren Rückzug vom Amt der Parteichefin erklärt. Sie will im November nicht mehr für den Posten kandidieren – nach zwölf Jahren an der Spitze. Auch als die enttäuschende Wahl diskutiert wurde habe Roth, berichten Teilnehmer, deutlich betroffener gewirkt als Trittin.

Vielleicht brauchte sie aber auch einfach weniger Bedenkzeit, weil sie schon länger zweifelte. Schon vor gut einem Jahr hatte Roth über einen Rückzug nachgedacht. Damals wollte sie Spitzenkandidatin für den grünen Bundestagswahlkampf werden – wurde aber in einem Mitgliederentscheid auf den vierten Platz verwiesen. Spätestens mit der Wahlniederlage vom Sonntag erkannte die 58-Jährige offenbar die Zeichen der Zeit. Auch Renate Künast, die langjährige Fraktionsvorsitzende, tritt nicht nochmal als Chefin der Abgeordneten an. Sie habe dies schon lange entschieden, sagte Künast ebenfalls bereits am Montag bei einem Treffen ihrer Freunde vom Realo-Flügel.

Drei Personalien binnen wenigen Stunden – die überraschende Wahlniederlage vom Sonntag bringt eine Zäsur für die Partei. Trittin, Roth, Künast – sie waren es, die die Grünen groß gemacht haben, seit den Anfängen waren sie mit dabei, im Wendland bei den Anti-AKW-Protesten und auch in der ersten rot-grünen Bundesregierung. Zwar waren alle drei zuletzt nicht mehr unumstritten, die Rufe nach einem Generationswechsel lauter geworden, doch bei den Grünen wissen sie auch: Sie verlieren mit diesem Tag drei durch Erfahrung gestählte Politiker, die sich selbst noch einmal Hoffnungen gemacht hatten, 2013 ein letztes Mal zu regieren und dann abzutreten.

Dass die grünen Parteigranden lange keinen Nachwuchs neben sich geduldet und auch niemanden gefördert haben, könnte sich nun rächen. Denn für den vor allem von den jungen Parteimitgliedern so oft geforderten Generationswechsel gibt es bisher nur wenig profilierte Kandidaten.