ZEIT ONLINE: Herr Janecek, wenige Tage vor der Landtagswahl in Bayern und anderthalb Wochen vor der Bundestagswahl sind die Grünen im Umfragetief. Was ist passiert?

Dieter Janecek: Wir werden am Sonntag in Bayern ein starkes Ergebnis liefern und damit die Trendwende auch für den Bund einleiten. Aber es ist nicht zu bestreiten, dass wir auch Gegenwind verspüren im Wahlkampf. Deshalb müssen wir jetzt nochmal alles rausholen und für unsere Themen kämpfen, vor allem für eine gelungene Energiewende.

ZEIT ONLINE: Die von den Grünen geplanten Steuererhöhungen werden Sie im Endspurt also lieber verschweigen?

Janecek: Wir stehen auch für eine gerechte Steuerpolitik. Aber wir sollten deutlicher machen, dass wir mit unseren Vorschlägen entlasten. Das kommt noch zu wenig rüber, wir sind keine Steuererhöhungs-, sondern eine Steuersenkungspartei. Die Fakten zeigen, dass wir für 90 Prozent der Menschen die Steuern senken wollen.  

ZEIT ONLINE: Das erzählen die beiden Spitzenkandidaten im Bund, Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin, seit Monaten. Aber offenbar glaubt ihnen keiner. Hat die Grünen-Spitze ein Kommunikationsproblem?

Janecek: Wir haben eine gewaltige Lobby gegen uns, von Wirtschaftsverbänden und Union und FDP, die seit Monaten falsche Botschaften über uns verbreiten, um ihre Besitzstände zu sichern. Selbstkritisch müssen wir einräumen: Unsere grünen Kernthemen kommen dadurch zu kurz. Die Energiewende, eine gute Bildungspolitik, die ökologische Modernisierung der Wirtschaft. Das sind die zentralen Zukunftsfragen.

ZEIT ONLINE:Die Grünen haben auf einem Parteitag entschieden, die Steuern zum zentralen Wahlkampfhema zu machen. Sie waren dagegen. Fühlen Sie sich bestätigt?

Janecek: Es war erwartbar, dass, wenn wir Besitzstände angreifen, entsprechend zurückgeschlagen wird, auch mit dem Ziel, Menschen zu verunsichern, insbesondere natürlich den Mittelstand. Für eine solche Debatte muss man gewappnet sein und die eigene positive Vision nach vorne stellen. Eines ist doch klar: Wir werden unseren Wohlstand nur erhalten, wenn wir konsequent ökologisch umsteuern und stärker in Bildung und Kinderbetreuung investieren. Manna fällt halt nicht vom Himmel, deshalb müssen die wirklich Wohlhabenden mehr beitragen für eine gesunde Infrastruktur, von der alle profitieren.

ZEIT ONLINE: Was sagen Sie zum viel diskutierten Veggie-Day-Vorstoß Ihrer Fraktionsvorsitzenden Renate Künast?

Janecek: Ganz klar muss sein: Wir Grüne stehen nicht für Zwang, wir möchten zum Nachdenken anregen. Ein reduzierter Fleischkonsum ist zu begrüßen, aber wir wollen niemandem vorschreiben, was er zu essen hat. Das hat auch kein Grüner je gesagt. Der Veggie Day soll freiwillig sein.

ZEIT ONLINE: Man kann doch nicht immer darauf verweisen, dass man missverstanden wurde. Offenbar haben den Grünen in diesem Wahlkampf die positiven Botschaften gefehlt.

Janecek: Beim Veggie Day geht es um den oft gedankenlosen Fleischkonsum, um Massentierhaltung und die Agrarindustrie. Es geht um Tierschutz. Das sind typische grüne und auch positive Themen. Aber vielleicht haben einige das Negative Campaigning des politischen Gegners im Wahlkampf  unterschätzt. In der Schlussphase des Wahlkampfs kommt es jetzt darauf an, dass wir Grünen uns nichts mehr von anderen diktieren lassen und unsere eigenen Botschaften setzen.