Renate Künast zieht Konsequenzen aus der Niederlage der Grünen bei der Bundestagswahl und den darauf erhobenen Forderungen nach einem personellen Neuanfang der Partei: Sie wird in der neuen Legislaturperiode nicht länger als Vorsitzende der Fraktion im Bundestag amtieren. Diese Entscheidung, so Künast, habe sie bereits vor Längerem getroffen und sie nun bei einem Treffen der Abgeordneten ihres Realoflügels mitgeteilt.

Künast zufolge habe sie bereits nach der Urwahl der Grünen-Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl im vergangenen November der damals siegreichen Göring-Eckardt gesagt, dass diese aus ihrer Sicht den ersten Zugriff auf den Fraktionsvorsitz habe. Wer für den Realoflügel nun zum Zug kommt, blieb aber zunächst offen. Neben Göring-Eckardt ist auch Fraktionsvize Kerstin Andreae im Gespräch. Künast selbst will – wie auch die bisherige Parteivorsitzende Claudia Roth – für das Amt der Bundestagsvizepräsidentin kandidieren. 

Mit diesem Druck erhöht Künast auch den Druck auf ihren Ko-Vorsitzenden Jürgen Trittin . Insbesondere die Realos der Partei fordern von dem Parteilinken, den Platz an der Führung der Partei aufzugeben. Bislang hatte sich Trittin dagegen gesträubt .

Für den früheren Grünen-Parteichef Reinhard Bütikofer gibt es aber nun "kein Drumherumreden" mehr. "Zur Neuaufstellung gehört auch eine Neuaufstellung des Personals", sagte der heutige Europaabgeordnete, der anders als Trittin dem Realo-Flügel der Partei zugerechnet wird. "Auch in der Fraktion muss es einen Führungswechsel geben." Bütikofer warf Trittin in der Süddeutschen Zeitung vor, er sei als Spitzenkandidat nicht für die Gesamtpartei, sondern "nur als Sprecher für den linken Flügel" aufgetreten. Das habe Ko-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt nicht ausgleichen können.

"Jeden Zauber eingebüßt"

In dieselbe Richtung weist die Kritik des grünen schleswig-holsteinischen Energie- und Umweltministers, Robert Habeck , am Bundestagswahlkampf seiner Partei. "Wir haben skeptische Wähler mit unserer trotzigen Art für blöd erklärt", sagte er dem Spiegel . "Wir haben uns ein Vorschreiber-Image erworben, etwas Spießbürgerliches, das wir nie sein wollten." Durch das Wahlprogramm der Grünen ziehe sich "die moralische Erziehung des Menschengeschlechts". So hätten die Grünen "jeden Zauber eingebüßt".

Ebenfalls im Spiegel warf der frühere Außenminister Joschka Fischer der amtierenden Grünen-Spitze vor, sie habe "eine Strategie verfolgt, die nicht nur keine neuen Wähler gewann, sondern viele alte vergraulte". Die Grünen hätten "statt über Umwelt und Europa , Bildung und Familien nur über Steuern und Abgaben geredet". Es sei ein "fataler Fehler" gewesen, die Grünen "strategisch auf einen Linkskurs zu verringern".

Die Grünen waren bei der Bundestagswahl am Sonntag mit 8,4 Prozent weit hinter ihren Erwartungen zurückgeblieben. Am Montag bot der Vorstand seinen Rücktritt an, um das Gremium neu wählen zu lassen. Parteichefin Claudia Roth hat inzwischen angekündigt, nicht erneut für den Vorsitz zu kandidieren . Der Ko-Vorsitzende Cem Özdemir will sein Amt hingegen behalten. An diesem Dienstag kommen die alten und neuen Bundestagsabgeordneten zu einer ersten informellen Beratung zusammen.