Welch' ein krasser Unterschied! Als 1966 die erste Große Koalition der Bundesrepublik geschlossen wurde, damals noch in Bonn, da stand das Land Kopf. Alle, die politisch-intellektuell etwas auf sich hielten, waren scharf dagegen. Günter Grass schrieb höchstpersönlich mit erster Tinte einen Protestbrief an Willy Brandt, in dem er behauptete, die SPD dürfe derlei nicht machen. Und musste sich von Hans Werner Richter fragen lassen, was ihn das eigentlich anginge, da er doch seinerzeit gar kein SPD-Mitglied war.

Unserer Strafrechtslehrer Werner Maihofer, der nachmalige glücklose Innenminister der FDP, ließ sogar extra seine Vorlesung ausfallen, damit wir in der Saarbrücker Innenstadt gegen die Große Koalition demonstrieren konnten ("Wehner weg, hat kein' Zweck!"). Und überhaupt die Außerparlamentarische Opposition namens Apo, da es doch im Parlament keine mehr gab...

Und heute? Schon im Wahlkampf deutete vieles darauf hin, dass des Deutschen Lieblingsregierung die Große Koalition wäre, oder doch der meisten Deutschen. Was einer der Gründe dafür war, dass nicht genügend Wähler für die FDP zu finden waren, um eben dies zu verhindern. Eine Woche nach der Wahl verfestigt sich dieser Eindruck, auch wenn einer der potenziellen Partner, nämlich die SPD, sich noch so schwer damit tut, als seien vier Jahre der weiteren Opposition das reinste Zuckerschlecken.

Trotz des Herumfantasierens über eine Minderheitsregierung: Als ob diese so einfach ginge und so gut funktionieren könnte! Minderheitsregierung oder baldige Neuwahlen würden nur die Union (und die AfD) stärken, jedenfalls nicht die linken Kräfte, wie die ersten Umfragen nach der Wahl zeigen.

Was also begründet die Popularität einer Großen Koalition?

Die erste Große Koalition von 1966 bis 1969 war viel besser als anfangs befürchtet. Sie war sogar die erste echte Reformkoalition der Bundesrepublik, was gern vergessen wurde, weil sie so verhalten agierte.

Und inzwischen haben wir bereits eine zweite Große Koalition von 2005 bis 2009 erlebt. Deren größte Integrations- und Stabilisierungsleistung war der gemeinsame Auftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Peer Steinbrück zu Beginn der Finanz- und Bankenkrise. Dabei verbürgten sie freihändig, aber wirkungsvoll den Sparern die Sicherheit ihrer Einlagen.

Und schließlich leben wir ohnehin in einer latenten Großen Koalition. Denn in allen Existenzfragen der Nation, nämlich der Außen-, Militär- und Europapolitik, werden alle wesentlichen Entscheidungen schon jetzt gemeinsam getroffen.

Also: Warum nicht auch formell koalieren, wenn es eh kaum Alternativen gibt, jedenfalls keine stabilen. Und wenn doch die Stabilität nicht nur der geheime Wunsch der deutschen Bürger ist, kein Wunder nach der jüngeren Geschichte?

Natürlich lässt sich gegen eine solche Koalition einiges einwenden, teils prinzipiell, teils aus den praktischen Erfahrungen. Größtmögliche Bündnisse und Kompromisse führen zu kleinstmöglichen Schritten. Große Koalitionen treffen gern bequeme Entscheidungen zulasten künftiger Generationen: Steuern rauf, aber Ausgaben nicht runter.

Einen Vorteil immerhin haben sie aber: In der Regel können sie auf ein breiteres Führungsreservoir zurückgreifen als schmale Mehrheiten oder nur eine einzige Partei. Schon deshalb ist es schade, dass sich Peer Steinbrück zurückzieht. Und sie vermeiden (schein-) ideologische Zerklüftungen des Landes.

Vor allem aber: Sie können extreme politische Herausforderungen besser abfangen.

Und vor solchen stehen wir sicherlich noch in den kommenden Jahren.