Auf einem Hügel westlich von Beerfelden im Odenwald steht seit 1597 der größte Galgen der Bundesrepublik. Drei Leute gleichzeitig konnten hier hingerichtet werden, man sah sie bis weit übers Land. Die hessische Verfassung ist die einzige, die bis zum heutigen Tag eine Todesstrafe kennt. Keine Landesregierung, weder rote noch schwarze, hat sich je an die Abschaffung des Paragraphen gewagt. Denn dazu wäre eine Volksabstimmung nötig. Und wer weiß, wie die ausgehen würde.

Nirgendwo in der Republik hat man sich so gestritten wie in Hessen, wo am kommenden Sonntag parallel zur Bundestagswahl über die künftige Landesregierung entschieden wird. Alle politischen Konflikte, die in Deutschland eine Rolle spielten, wurden hier ein bisschen schärfer ausgetragen als anderswo. Der erste große Auschwitz-Prozess. Der Kaufhausbrand 1968, mit dem der Deutsche Herbst der RAF-Terroristen begann. Joschka Fischers Putztruppen schlugen sich hier mit der Staatsgewalt. Der SPD-Landesvater Holger Börner wollte die Grünen "mit der Dachlatte erledigen", bevor er 1985 die erste gemeinsame Regierung mit ihnen bildete. Hier brach 2008 die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti ihr Versprechen, nicht mit der Linkspartei zu paktieren – und scheiterte.

Ein Besuch in Hessen, diesem politisch hochangereicherten Gelände, eignet sich gut für Probebohrungen in der Gemütslage der Parteien. Gut möglich, dass in Berlin und auch in Wiesbaden die alten "hessischen Verhältnissen" zurückkehren: Ein Land – geteilt in zwei Lager, das schwarz-gelbe und das rot-(rot)-grüne, von denen keins stark genug ist, eine stabile Regierung zu bilden.    

"Kommunisten", "Reaktionäre", "Hallodris"

Erste Station: der Landtag. Eine Plenarsitzung in Wiesbaden kann sich schnell wie eine Zeitreise anfühlen, zurück in die feindselige Rhetorik des Kalten Krieges. FDP und Grüne sitzen im lichten Rondell des Wiesbadener Plenarsaals zwar nebeneinander. Aber wenn der FDP-Mann Alexander Noll aus der dritten Reihe am Grünen Spitzenkandidaten Tarek Al-Wazir vorbeigeht, dreht der sich kurz nach hinten um und gibt das Zeichen zum Aufbruch. Seit Noll die Grünen "Ökofaschisten" nannte, verlassen sie geschlossen den Saal, wenn er spricht. Sein Parteifreund, der Landwirt Jörg Behlen aus Marburg, hat sogar noch eine Schippe draufgelegt. Er verglich den Veggie Day der Grünen mit dem Aufruf der NSDAP an alle Deutschen, einmal im Monat Eintopf zu essen. 

"Kollektivisten", "Kommunisten", "Reaktionäre", "Hallodris", "Schwarzer Sheriff" – in keinem anderen westdeutschen Landtag wird mit solcher Inbrunst gehasst wie im hessischen. Aber es fließt kein echtes Blut mehr. Man betreibt es als Politfolklore.

Um Ypsilanti zu treffen, muss man weit reisen

Es waren die "hessischen Verhältnisse", von denen sich Ypsilanti 2008 zu ihrem Wortbruch veranlasst sah. Ihr Name lastet seither wie ein Fluch auf der SPD, nicht nur der in Hessen. Die Warnung vor dem rot-rot-grünen Gespenst war zuletzt die Haupt-Mobilisierungswaffe der CDU. Angela Merkel muss nur "Ypsilanti" sagen, um ganze Marktplätze in höhnisches Gelächter ausbrechen zu lassen. Ypsilanti selbst hat sich zurückgezogen, seit sie den Landesvorsitz an Thorsten Schäfer-Gümbel abgegeben hat: Im Landtag hält sie keine Rede mehr. Gespräche mit Journalisten lehnt sie ab.