Neue deutsche Konflikte – unter dieser Überschrift widmen wir uns in einer kleinen Serie Themen, die in diesem Wahlkampf kaum eine Rolle spielten. Wir beschreiben Konflikte, die es so vor 20 Jahren noch nicht gegeben hat. Konflikte, die nicht immer offen ausgetragen werden, die aber drängender werden.

Einmal im Jahr, zu Weihnachten, erlebt der Osten eine große Invasion. Sie kommen aus Berlin, Recklinghausen und Münster, sie tragen ihre vollen Koffer und Rucksäcke durch die Kälte, sie drängen sich in den Bahnhofshallen oder warten gut sichtbar an den Vorplätzen auf ihre Mitfahrgelegenheit. Die Kinder des Ostens machen sich auf den Weg in ihre Vergangenheit. Eine, die sich jedes Jahr ein bisschen weiter entfernt hat von ihrem Leben in Hörsälen oder Konferenzräumen.

Auch Anne Hacker stand jahrelang immer wieder am Bahnsteig und wartete auf den Zug in die Heimat. Sie war 18, als sie ihre Geburtsstadt Prenzlau verließ, um Bankbetriebswirtschaft zu studieren. Sie genoss das Berliner Leben, das Tempo, das Essen, die Museen, das Feiern. Die Vergangenheit verschwand in Berlin aber nicht. Im Gegenteil.

Hacker und ihre Berliner Freunde stellten fest, dass sie etwas unterschied. Lange Abende sprachen sie darüber. Zum Spotten war die Erkenntnis, dass "viertel eins" nicht dasselbe ist wie "viertel vor eins". Zum Nachdenken die, dass die Mütter ihrer westdeutschen Freunde immer zu Hause waren. "Eigentlich möchte ich diesen Unterschied gar nicht machen", sagt sie. "Aber ich bin Ostdeutsche." Als das Studium endete, ging Hacker zurück nach Prenzlau.

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Die Uckermark leidet unter der dritthöchsten Arbeitslosigkeit in Deutschland. Jeden Tag ziehen Menschen weg, meist Kluge und Junge. Und doch verliert die Gegend nicht mehr nur Einwohner. Viele der jungen Menschen, die wegen der fehlenden Perspektiven gingen, kommen zurück in den Osten. Viele, die noch im Westen sind, erwägen eine Rückkehr. Ein großer Teil von ihnen hat Uniabschlüsse und verdient gut.

Man kann sie auch in der Uckermark treffen. Eine junge Frau eröffnet einen Schuhladen neben dem Modegeschäft ihrer Mutter in Templin. Ein Berliner Freiberufler gründet mit seinen Freunden einen Verein, um junge Prenzlauer zu beraten, was sie mit ihrem Leben anstellen können. Was suchen sie im Osten? Das Geld, sagen Studien, ziehe sie weniger zurück als Freunde und Familie. Und was begegnet den Rückkehrern dort?

Streit um die Schweinemast

In der Uckermark treffen sie auf einen grimmig ausgetragenen Streit. Auf halber Strecke zwischen Templin und Prenzlau, im Örtchen Hassleben, steht ein Schild und bellt: "Neue Arbeitsplätze für die Uckermark – Herr Platzeck, wir warten". 

Wer hier rechts abbiegt, landet bald vor einem Wachhäuschen mit herausgerissenen Telefonen. Hinter Schranken, die sich seit 20 Jahren nicht geöffnet haben, breitet sich die gewaltige Schweinemastanlage Hassleben aus. Zu Ostzeiten wurden hier bis zu 150.000 Schweine gehalten, Hunderte Menschen beschäftigte die DDR-Industrielandwirtschaft in Hassleben. Das ist Vergangenheit. Kniehohes Gras umgibt die Wege.

Noch. Seit neun Jahren will ein holländischer Investor die Anlage wieder in Betrieb nehmen und ein paar Dutzend Arbeitsplätze schaffen. Seitdem streiten die Einheimischen darüber, ob die Jobs es wert sind, dass die Gegend wieder nach Gülle stinkt. Zwei verfeindete, annähernd gleich starke Bürgerinitiativen gründeten sich und bekämpfen sich bis heute.

Frank Skomrock ist Chef der Initiative für die Schweinemastanlage. Spricht man mit ihm, wird schnell klar, dass es um mehr geht als um Umweltschutz und Arbeitsplätze. Es geht darum, wer hier wem zuzuhören hat. Die organisierten Gegner der Schweinemast, sagt Skomrock, das seien vor allem zugezogene Großstädter, die ihren Lebensstil auf Kosten der Einheimischen durchsetzen wollten. 

Wer ist ein Einheimischer? Skomrock sagt, Einheimischer ist, wer hier ein paar Jahrzehnte gelebt hat.