Neue deutsche Konflikte – unter dieser Überschrift widmen wir uns in einer kleinen Serie Themen, die in diesem Wahlkampf kaum eine Rolle gespielt haben. Wir beschreiben Konflikte, die es so vor 20 Jahren noch nicht gegeben hat. Konflikte, die nicht immer offen ausgetragen werden, die aber drängender werden.

Christopher* trinkt sein erstes Bier gegen ein Uhr am Mittag. Wenn die meisten anderen Menschen in seinem Alter Mittagspause machen, trifft er sich mit seinen Kumpels zum Abhängen. Auf schmalen Bänken sitzen sie am Busbahnhof in der kleinen Stadt, in der sie leben und sich langweilen. Ab und zu pöbeln sie Passanten an, wenn die Langeweile unerträglich wird. Bis zum späten Nachmittag hat Christopher vier große Flaschen Bier getrunken und wechselt zum Wodka. Eine Flasche schaffe er an einem normalen Abend in der Woche, sagt er.

Christopher ist 20 Jahre alt und hat eine dicke Akte bei der Polizei. Drogen, Alkohol, viele Diebstähle und Einbrüche. Für die Schule blieb kaum Zeit. Die sechste Klasse musste er wiederholen, weil er zu häufig gefehlt hatte. In der siebten Klasse drehte er wieder eine Ehrenrunde. Und weil er auch in der achten Klasse ständig fehlte, flog er von der Hauptschule – ohne Abschluss.

Eine Mitarbeiterin des Jugendamtes half ihm zurück auf die Beine. "Ganz ohne Schulabschluss geht’s eben nicht", sagt Christopher. Den Schulabschluss hat er an einer Einrichtung für lernschwache Jugendliche nachgeholt. Sogar eine Lehrstelle als Dachdecker fand er. Nur sein Problem mit dem Alkohol bekam er nicht in den Griff. So verlor Christopher seinen Ausbildungsplatz wieder. Betrunken auf dem Dach – viel zu gefährlich.

Schulabbrecher in Deutschland © Jörg Block

Schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Bildungsverlierer nennen Politiker junge Menschen wie Christopher. Statistiker haben für sie einen anderen Begriff: frühe Schulabgänger. Mehr als 50.000 Schüler schaffen jedes Jahr ihren Hauptschulabschluss nicht. Anderen geht es wie Christopher: Sie haben zwar den Haupt- oder Realschulabschluss geschafft, manche sogar die zehnte Klasse des Gymnasiums, danach aber keine Ausbildung gemacht. Jeder Zehnte zwischen 18 und 25 Jahren verlässt das Bildungssystem ohne eine Berufsqualifikation.

Eins haben sie alle gemeinsam: Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind miserabel. Fast jeder Fünfte ohne Berufsabschluss war 2011 arbeitslos – 20 Prozent. Zum Vergleich: Bei den Akademikern lag die Arbeitslosigkeit bei nur bei knapp drei Prozent.

Und die Situation der vorzeitigen Schulabgänger wird sich noch verschlechtern, prognostizieren die Forscher des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Das Arbeitsangebot für Geringqualifizierte schrumpft. Gab es im Jahr 2006 noch rund 5,7 Millionen geringqualifizierte Erwerbstätige, waren es 2010 nur noch 5,1 Millionen. Tendenz  rapide fallend.

300 Bewerbungen, keine Einladung

Lucija spürt diesen Trend am eigenen Leib. Die 17-jährige Serbin hat die Förderschule in Köln besucht und den Hauptschulabschluss gemacht. Doch trotz ihres guten Abschlusszeugnisses findet sie keinen Ausbildungsplatz als Verkäuferin. Fast 300 Bewerbungen hat sie mithilfe von Sozialpädagogen geschrieben – an Bäckereien, Einzelhändler und Drogerien. Doch kein einziges Mal wurde sie bisher zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. "Die Deutschen in meinem Freundeskreis haben alle schon etwas gefunden", sagt sie, "aber für mich gibt es immer nur Absagen."