Stadthalle St. Georgen im Schwarzwald, eine Podiumsdiskussion ist gerade zu Ende gegangen. Die Kandidaten und Moderatoren stehen zum Small Talk noch auf der Bühne. Es bilden sich Grüppchen. Nur einer bleibt allein. Keiner geht auf ihn zu, er geht auf keinen zu. Es ist Siegfried Kauder, langjähriger CDU-Abgeordneter im Bundestag, Noch-Vorsitzender des Rechtsausschusses, Bruder des Unions-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder.

Siegfried Kauder wirkt verlegen und verunsichert. Schnellen Schrittes durchmisst er die Bühne von rechts nach links, bleibt stehen, schaut sich um, geht wieder zurück.

Er fühlt sich sichtlich unwohl. Es war just in dieser Halle, in der sich damals, im Sommer 2012, andeutete, dass die CDU ihn nicht mehr haben will. Viel ist seither geschehen, das gar nicht hierher passen will, in diese beschauliche Region.

Der Schwarzwald-Baar-Kreis zwischen tiefstem Kuckucksuhrenland im Westen und dem lieblicheren Vorland der Schwäbischen Alb im Osten ist einer der konservativsten Wahlkreise in Deutschland. In ihm leben Menschen, die vor allem Ordnung, Stabilität und Kontinuität schätzen. Politisch bewegte sich jahrzehntelang nichts, Landräte sind hier bisweilen 27 Jahre im Amt.

Und dann das. Siegfried Kauder wollte für eine weitere Legislaturperiode in den Bundestag – und sein Kreisverband sagte: Nein!

Mit der Ruhe im Schwarzwald-Baar-Kreis war es mit einem Mal vorbei. Von Putsch und Schlammschlacht war die Rede. Der Wahlkreis 286 wurde zwischenzeitlich zum meist beachteten in der Republik.

Rosenkrieg im Schwarzwald

Die Eskalation verlief in drei Etappen. Stufe eins: Im Juli 2012 sollte Siegfried Kauder zum vierten Mal zum Direktkandidaten der CDU gekürt werden, Umweltminister Peter Altmaier war eigens nach St. Georgen gereist, um eine Rede zu halten. Doch daraus wurde nichts. Zwei Delegierte brachten einen Antrag zur Verschiebung des Nominierungsparteitags durch. Stufe zwei: Im November 2012 trat der Donaueschinger Oberbürgermeister Thorsten Frei gegen Kauder an und gewann deutlich. Stufe drei: Im Juli 2013 erklärte Kauder seine unabhängige Kandidatur für den Bundestag. Die CDU leitete daraufhin ein Parteiausschlussverfahren ein. Mit der Entscheidung des Parteigerichts wird erst nach dem 22. September gerechnet.

Rosenkrieg im Schwarzwald. Kauder spricht von einem Putsch. Beim ersten Nominierungsparteitag sei eine Wahlurne verschwunden. Seine Gegner sagen: Er habe nicht mehr kommuniziert, habe die Junge Union eine Bande genannt, sei zunehmend selbstherrlich aufgetreten. Einer altgedienten, hoch angesehenen pensionierten Geschäftsführerin habe er Hausverbot für die Geschäftsstelle erteilt. Kauder sagt: Alles Quatsch, und diese ehemalige Geschäftsführerin habe sich ohne Rücksprache in den PC ihrer Nachfolgerin eingeloggt.

Und nun? Nun ist Wahlkampf. Es sieht nicht gut aus für Siegfried Kauder, den jetzt unabhängigen Direktkandidaten. Nicht nur, dass es seit 1949 kein Unabhängiger mehr ins Parlament geschafft hat. Nicht nur, dass eine Umfrage im Wahlkreis ihn Mitte Juli bei 12,5 Prozent, seinen CDU-Kontrahenten Thorsten Frei bei 55 Prozent sah (immerhin würde Kauder 2,80 Euro pro Erststimme Wahlkostenerstattung bekommen, wenn er die Zehnprozenthürde schafft). Nein, Kauder wirkt in der politischen Landschaft seiner Heimat inzwischen isoliert.

"Ist sinnlos" - "Ist einfach so"

Manches von dem, was die Partei an Kauder störte, lässt sich jetzt in der St. Georgener Stadthalle während der Podiumsdiskussion studieren. Es ist eine lockere unterhaltsame Runde, amüsant und informativ. Jugendgemeinderäte und Schüler des örtlichen Gymnasiums haben sich Fragen ausgedacht, eine abwechslungsreiche Form der Präsentation gefunden und moderieren souverän. Immer wieder gibt es was zu lachen.

Nur Kauder lacht nie. Auch nicht, als der Diskussionsleiter ironisch die Vorzüge des Wahlkreises herausstellt: "Das Internet im Schwarzwald ist so langsam, dass die NSA nichts mitkriegt." Kauder verharrt auf seinem Stuhl, die Arme verschränkt, bar jeder Mimik.

Wenn er spricht, hebt er gern den Zeigefinger. Doziert. Wenn ihm eine Frage nicht präzise genug ist, belehrt er die Veranstalter, die lange um seine Teilnahme bitten mussten. Mit einem Satz schmettert er ab, was die Jugendlichen beschäftigt: Es sei sinnlos, in diesem Wahlkampf über Schulpolitik zu sprechen, das sei Ländersache. Korrekt, aber abweisend. Kauder spricht in kurzen Hauptsätzen. "Ist einfach so." Thesenartig. Abstrakt.

Als gefragt wird, ob gleichgeschlechtliche Partner das Recht haben sollten, Kinder zu adoptieren, sagt Kauder: "Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden. Daher brauchen wir darüber nicht zu sprechen. Ist sinnlos." Kauder antwortet nach Rechtslage, es geht ihm nicht um eine politische Auseinandersetzung.